Inhalte: Verantwortung

Natürlich=gut, künstlich=schlecht?

Zwei Nachrichten gab es in den letzten Tagen, die viele Menschen stark verunsichert haben, betreffen sie doch unsere Gesundheit: „Staatsanwaltschaft ermittelt in einem Todesfall mit Iberogast“ und „Produkt-Rückruf: Todesgefahr durch Blausäure in einem Gewürz“. Im ersten Fall geht es um Schöllkraut, seit langem bekannt in der Pflanzenheilkunde zur Linderung bei Magen-Darmbeschwerden, im zweiten um Aprikosenkerne, die einem Himalayasalz zugefügt wurden. Auf den ersten Blick sind die Fälle nicht vergleichbar: im ersten handelt es sich um ein zugelassenes pflanzliches Arzneimittel, im zweiten um ein Nahrungsmittel, welches verändert wurde. Dennoch gibt es viele Gemeinsamkeiten, die letztlich die alte Frage berühren, ob etwas ein Heilmittel oder ein Gift ist. …mehr lesen

Ist Alter eine Krankheit?

Versuchen Sie es doch einmal: Watte in die Ohren stecken, ein wenig Öl auf den Brillengläsern verreiben, Kniegelenke fest mit Binden umwickeln – es sind nur wenige Tipps, aber Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Es geht darum, „normale“ Fähigkeiten wie das Sehen, Hören, ungehinderte Laufen einzuschränken. Und jetzt gehen Sie bitte für eine festgesetzte Zeit Ihren „normalen“ Tätigkeiten nach, nicht nur zu Hause. Gehen Sie z.B. einkaufen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie ungewöhnlich müde und gestresst sein und eher als geplant aufhören wollen. Was ist da passiert? Sie haben Alter simuliert.

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Baby-Watching: das Ungeborene als Fernsehstar

Die Nachricht: der Gesetzgeber sagt, ab 2021 soll Ultraschall ohne medizinische Indikation eine Ordnungswidrigkeit sein, also eine rechtswidrige und vorwerfbare Handlung, die bestraft werden kann.* Das ist wohl gut so. Leider liest man nun in diesem Zusammenhang in der Presse,  das Verbot sei wegen nachgewiesener Belastung des Ungeborenen erfolgt. Das führt zu einer großen Verunsicherung bei werdenden Eltern, sind doch Ultraschalluntersuchungen fester Bestandteil der Schwangerenvorsorge. …mehr lesen

Verbessern oder steuern? Enhancement durch Technik

Ein „Cyborg“ ist ein mit Maschinen gekoppelter Mensch, der erweiterte (bis zu „übernatürliche“) Fähigkeiten besitzt, bekannt geworden durch Science Fiction. Die vielen Herzschrittmacherträger sind eigentlich schon Cyborgs, die Smartphone- und Datenbrillen – Benutzer allerdings nicht, da diese Geräte nicht in den Körper integriert sind.

Der Cyborg ist Mensch geblieben. Wie lange aber ist er Mensch? Die Grenze zum Roboter wäre da, wo der Technikteil überwiegt.

Selbstverständlich finden wir es gut, dass wir technisch z.B. optische Signale in akustische umsetzen und einem Patienten, der nur schwarz und weiß wahrnimmt, auf diese Weise Farbsehen ermöglichen können. Lässt man aber die medizinischen Themen weg, also die Fälle, wo es um Hilfe bei Defiziten geht, sind wir wieder beim Enhancement. Wäre es nicht schön, wenn wir unsere normalerweise beschränkten Fähigkeiten erweitern könnten?  Können wir das und was „bezahlen“ wir dafür? Um beim relativ einfachen Beispiel der Sinne zu bleiben: Sind wir noch „Mensch“, wenn wir so schnell laufen könnten wie ein Gepard, nachts so gut sehen wie eine Katze, ultraviolettes Licht wahrnehmen wie Bienen oder uns mit Ultraschall orientieren wie Fledermäuse?

Dass wir mit dem Smartphone in Sekunden mehr wissen, schneller reagieren und uns rascher wieder erinnern können, ist eigentlich schon nicht mehr „natürlich“. Trotzdem stellen wir davon nichts in Frage. Warum? Das Smartphone ist ja nur ein Mittel, nichts Anderes als das Buch, in dem ich früher nachschlug – oder? Jedenfalls befindet es sich außerhalb meines Körpers. Ich fühle mich sicher: hier ist mein Körper, da die Maschine.  …mehr lesen

Ich, Wir und die Anderen

Erst gegen Ende des 2. Lebensjahres erkennt ein Kind sich selbst im Spiegel, noch später sagt es „Ich“, was immer das heißt; denn was dieses  ICH eigentlich ist, darüber herrscht Philosophenstreit seit der Antike, neuerdings aufgeflammt im Lichte der Neurowissenschaften*.  Jedenfalls wird das Kind sich seiner selbst bewusst – Selbstbewusstsein im Sinne von  „Bewusstsein von Bewusstsein“, nicht im oft gebrauchten Sinne von „Selbstvertrauen“ – und kann das endlich ausdrücken im Wort „Ich“.

Damit verbunden ist die erste Abgrenzung, das Wort „Du“. Der Mensch ist von Anfang an ja nicht allein, sondern in irgendeiner Form auf seine Umwelt bezogen. Die enge körperliche Verbindung des Kindes mit der Mutter wird bei der Geburt getrennt. Dann steht es ein Leben lang in einer Beziehung zu Anderen, nimmt kulturelle Einflüsse und soziale Verhaltensweisen in sich auf. Die Identität, so der Psychoanalytiker Erik Erikson, hängt von diesen Erfahrungen ab. Oder, nach Habermas in einem Satz vereinfacht ausgedrückt: Das, was man Identität nennt, ist nur gemeinsam mit anderen Menschen auszubilden. Das sagte übrigens auch schon der deutsche Philosoph Fichte vor 200 Jahren, dass nämlich der Mensch nur unter Menschen ein solcher wird, und ebenso alt ist Hegels Gedanke, dass die Wahrnehmung des Selbst mit der Abgrenzung zum Anderen verknüpft ist.

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