Leben und Tod

Todeszeitpunkt – die letzte Unbekannte?

Orakel und Magie

In die Zukunft sehen: uralter Traum der Menschheit. Seit Jahrtausenden wurden Orakel befragt, Zeugnisse liegen aus den Alten Reichen Ägypten und China vor. In unserem Kulturkreis ist das Orakel von Delphi in Griechenland das bekannteste. Altnordische Runen waren nicht nur Träger von Begriffen, sondern magische Zeichen; die Bedeutung des Wortes Rune selbst bewegt sich vom Altnordischen bis Altenglischen und Althochdeutschen im Umkreis von „Geheimnis“. In der Edda und anderen isländischen Texten aus dem Mittelalter tauchen Runen als magische Befreier des Gottes Odin ebenso auf wie bei der Heilung von Krankheiten. In Europa wurden seit dem Mittelalter Tarotkarten verwendet, um in die Zukunft zu sehen; und in unserem aufgeklärten Zeitalter bieten Hellseher ihre Dienste im Internet an, Prominente haben ihren eigenen Astrologen.

Der Arzt als moderner Wahrsager?

Eine der am häufigsten gestellten Fragen von Patienten, die sich neu mit einer ernsten Diagnose auseinandersetzen, ist : “Wie lange habe ich noch?“ Dahinter können die verschiedensten Gedanken stehen: wenn ich weiß, wie begrenzt meine Zeit ist, will ich noch möglichst viel erleben und erledigen. Oder: wann ist mein Leiden vorbei und ich kann gehen? Aber auch ganz praktisch:  habe ich alles gut geregelt für meine Familie? Schafft mein Partner/meine Partnerin das allein? Braucht er/sie jetzt vielleicht eine neue Arbeit? Es geht also meist um Angst, Hoffnung und notwendige Tätigkeiten, weniger um ein Datum. In  jedem Falle gehen Patienten offensichtlich davon aus, dass nach heutigem Kenntnisstand Ärzte auf diese Frage eine  wissenschaftlich fundierte Antwort geben können. Das ist aber nur begrenzt möglich.

Welche Vorhersagen sind realistisch?

Sieht man ab von im Internet kursierenden Tests, die unseren individuellen Todeszeitpunkt auf den Tag genau vorhersagen wollen (was durch nichts wissenschaftlich gestützt ist!), gibt es heute ziemlich gute statistische Einschätzungen, wobei immer weiter verbesserte Biomarker eine Rolle spielen, also Bluttests, aber auch Daten wie Vorerkrankungen, Gehgeschwindigkeit, Blutdruck, Puls oder Körperfettanteil.  Berechenbar ist da die Wahrscheinlichkeit, innerhalb der nächsten 5 oder auch 10 Jahre zu sterben. Solche Tests machen es z. B. möglich, Hochrisikopatienten zu erkennen; das könnte hilfreich sein bei Entscheidungen für oder gegen einen schwerwiegenden operativen Eingriff oder bei geplanten medikamentösen Therapien mit erheblichen Nebenwirkungen. Vor allem aber könnten diese Einschätzungen dazu beitragen, gezieltere Vorsorgestrategien zu planen. Auch könnten solche Daten hilfreich sein, wenn Patienten Verfügungen erstellen wollen.

Ist mein Todeszeitpunkt bestimmbar?

Nein, von einer individuellen Todeszeitbestimmung sind wir weit entfernt, und da viele verschiedene Faktoren zusammen die Lebensdauer bestimmen, werden wir ein genaues Datum wohl nie wissen. Aber wir müssen darüber nachdenken, denn Wissenschaft und Technik entwickeln sich rasant. Aus Stanford wurde jetzt über eine Vorhersagemöglichkeit, die künstliche Intelligenz einbindet, von 3 bis 12 Monaten berichtet. Gehen wir also davon aus, dass wir das zu irgendeinem Zeitpunkt können. Wollen wir es aber?  Würde das zum Beipiel nicht zu Diskriminierung von Patienten führen? Dabei ist die Angst, dass Algorithmen über uns entscheiden, noch die geringste; mehr Daten sind für uns sicherer als weniger, und  Mediziner treffen ja oft Entscheidungen aufgrund ziemlich weniger Daten.

Missbrauch

Man stelle sich aber vor, dass eine Krankenkasse bei bekanntem Todesdatum Kriterien festlegt, ab wann sich Therapien noch „lohnen“. Das würde nicht nur unsere gesamte Vorstellung von ethisch fundierter Medizin untergraben, sondern auch das auf das Solidaritätsprinzip gegründete System der gesetzlichen Versicherung. Der Deutsche Ethikrat hat schon 2017  in seiner Stellungnahme „Big Data“ die Meinung vertreten, dass solche zukünftig möglichen Profile für den Gebrauch von Krankenkassen verboten werden sollten. https://www.ethikrat.org/publikationen/publikationsdetail/?tx_wwt3shop_detail%5Bproduct%5D=4&tx_wwt3shop_detail%5Baction%5D=index&tx_wwt3shop_detail%5Bcontroller%5D=Products&cHash=7bb9aadb656b877f9dbd49a61e39df2f

Das Wesentliche ist, wie so häufig, also nicht die Sache selbst, sondern ein möglicher Zwang zur Erstellung eines derartigen Profils und dessen Gebrauch.

Nicht nur biologische Faktoren

Ist der Todeszeitpunkt genetisch vorprogrammiert? Der Oktopus kann nur einmal im Leben Nachkommen haben und stirbt danach. Bei  Fruchtfliegen sind Gene isoliert worden, die unmittelbar mit dem Tod zu tun haben.  Auch Menschen sind biologisch determiniert, aber eben nicht ausschließlich. Bei Patienten zählen für Überlebenswillen und Kräftemobilisierung oft ganz andere Gesichtspunkte als Medikamente und Operationen, zum Beispiel Zuwendung. Von einem Seminar in Berlin am Bundeswehrkrankenhaus ist mir vor allem in Erinnerung geblieben die Selbstvorstellung eines Überlebenden des Anschlags vom Breitscheidplatz 2016. Bei dem damals Schwerstverletzten war monatelange Intensivtherapie erforderlich gewesen und die  ursprünglich sehr schlechte Prognose hatte sich letztlich nicht bewahrheitet. Der heute wieder „voll im Leben stehende“ Mann nannte 5 Faktoren, weshalb er überlebt habe: vorherige gute Fitness, beste medizinische Versorgung, ein gutes Versicherungssystem bei seinem „sehr teuren Fall“, sein unbedingter Lebenswille und die bei ihm gegebene umfassende Unterstützung durch seine Familie. Bezüglich der Frage “ Warum ICH ?“ könne man zusätzlich  je nach Einstellung  „Zufall“ oder „Gottes Wille“ diskutieren.

Lebenszeit oder Lebensqualität?

Kann die genaue Kenntnis unseres Todeszeitpunktes für uns gut sein? Ich meine nein oder nur im Hinblick auf sehr wenige Gesichtspunkte. Wir sollten gesellschaftlich diskutieren, was wir wollen, bevor immer genauere Methoden auf dem Markt erscheinen. Was würde ich ändern, wenn ich ein genaues Datum kennen würde? Risikoreicher leben? Vorsicht – mein Todesdatum sagt nichts darüber aus, welche Qualität mein Leben haben wird; vielleicht wäre ich schwerst pflegebedürftig?  Menschen sind verschieden; nicht alle erkennen die Lebenszeit als höchstes Ziel an, sondern werten ihre subjektive Lebensqualität viel höher. In unserer Zeit und Gesellschaft haben Menschen das Recht, ihr Leben nach ihrem Willen zu entwerfen. Ob die Umsetzung aber möglich ist, liegt nur zu einem Teil bei ihnen selbst. Soziale Faktoren spielen eine große Rolle. Wenn sich gesellschaftliche Gegebenheiten ändern, kann sich Lebenserwartung ändern. Und – jeder Unfall kann alle Schätzungen und Berechnungen umwerfen.

Unsere Freiheit

Wir können den Todeszeitpunkt als gesetzt anerkennen, haben aber durch das ganze Leben Gestaltungsmöglichkeit. Wir wissen, dass wir durch gesunde Lebensweise,  – Rauchstopp, Ernährung, Sport – länger leben können, aber Wieviele von uns richten sich  danach? Wir haben die Freiheit, das nicht zu beachten, es ist unser Leben; und ebenso wie wir nicht nur aus Biologie bestehen, bestehen wir nicht nur aus Vernunft.  Wir sollten uns nur verschiedener Dinge bewusst sein: die Vorstellung von Vorherbestimmtheit der Welt ist seit der Qantenphysik nicht mehr zu halten.  –  Es gibt Zufälle. – Und: auch Selbstbestimmung ist endlich.

 

Literaturtipps:

1. Florian Aigner: Der Zufall, das Universum und du  

2. Stöckl Claudia: Ältere Menschen in der Wissensgesellschaft

3. A.Nassehi, P.Felixberger (Hg) et al: Kursbuch 180: Nicht wissen

4. Hector Wittwer (Hg): Der Tod

5. Ernst Tugendhat: Über den Tod

6. Andre Gorz: Brief an D.

Ist Alter eine Krankheit?

Versuchen Sie es doch einmal: Watte in die Ohren stecken, ein wenig Öl auf den Brillengläsern verreiben, Kniegelenke fest mit Binden umwickeln – es sind nur wenige Tipps, aber Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Es geht darum, „normale“ Fähigkeiten wie das Sehen, Hören, ungehinderte Laufen einzuschränken. Und jetzt gehen Sie bitte für eine festgesetzte Zeit Ihren „normalen“ Tätigkeiten nach, nicht nur zu Hause. Gehen Sie z.B. einkaufen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie ungewöhnlich müde und gestresst sein und eher als geplant aufhören wollen. Was ist da passiert? Sie haben Alter simuliert.

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Organspende – Entscheidung oder Widerspruch?

Wer von uns würde sich einem Hilfeschrei verweigern? In Deutschland spendet man doch freudig für gute Zwecke! Bei der Organspende aber gibt es  große Probleme. Nie waren die Spenderzahlen niedriger als 2017. Der Bundesgesundheitsminister will diese Probleme lösen. Mit Recht hat er konstatiert, dass uns das „nicht gleichgültig“ ist und sein dürfe, wenn „10.000 Menschen hoffen und warten und die Chance da wäre, Leben zu retten.“ Er hat, um dieses Ziel zu erreichen, die sogenannte Widerspruchslösung ins Auge gefasst. In Europa steigt die Zahl der Länder, die diese Lösung gesetzlich verankert hat. In Deutschland gilt dagegen die „Entscheidungslösung“, eine besondere Form der „Zustimmungslösung“, wonach nur Derjenige Organspender ist, der zu Lebzeiten ausdrücklich einer Organentnahme zugestimmt hat, und zwar nach ausreichender Information. Deshalb bekommen alle Krankenversicherten Informationsmaterial  und einen Organspendeausweis zugeschickt, auf dem sie wahlweise JA zur Entnahme verschiedener Organe oder NEIN ankreuzen können. Nur wenn gar keine Entscheidung vorliegt, können auch Angehörige befragt werden, um den mutmaßlichen Patientenwillen zu ermitteln.  …mehr lesen

Ist der „Hirntod“ unser Tod?

Die Nachricht: Wissenschaftler aus Yale haben Schweinegehirne 36 Stunden außerhalb des Körpers am Leben gehalten. Die Gehirne wurden erst etwa 4 Stunden nach der Schlachtung  an einen künstlichen Kreislauf angeschlossen. Die Gehirnzellen seien dabei „lebendig“ gewesen. Allerdings habe man keine Hirnströme ableiten können – lebendige Hirnzellen ohne Funktion also?  Soweit die  am 25.4.  dem  „MIT Technology Review“ entnommene Information. Genaueres ist nicht bekannt, der Forschungsbericht liegt noch nicht vor. Immerhin reichen diese wenigen Daten, um sich viele Gedanken zu machen: wäre das auch beim Menschen technisch möglich?  ( Wahrscheinlich).  Könnte man mit besser entwickelter Technik  Gehirne unbegrenzt am Leben erhalten? (Vielleicht). Und vor allem, denn im Gehirn verorten wir ja unsere Identität und Persönlichkeit: Würde ein solches isoliert lebendes Gehirn Bewusstsein haben, sich selbst erkennen, Gedächtnis besitzen, letztlich eine „Person“ sein? Würde mein isoliertes Gehirn ICH sein? (Unbekannt). Eine Frage aber sollte schon jetzt bedacht und möglichst bald beantwortet werden: brauchen  wir dann nicht eine neue Todesdefinition?

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Grenzgebiete?

Wann sind Sie zum letzten Mal „an Ihre Grenzen gekommen“? Wie ging es Ihnen in diesem Moment? Und was haben Sie da unternommen?

Folgt man dem „Duden“ so sind Grenzen Trennungslinien zwischen vorhandenen Gebieten, aber auch gedachten Bereichen, darüber hinaus „Begrenzung, Abschlusslinie, Schranke“.

Mit den vorhandenen Gebieten sind z. B. Länder gemeint, die durch politische Grenzen getrennt sind, aber auch Landschaften mit natürlicher Trennlinie, wie durch Meer, Gebirgszug oder Strom. Klare Grenzen in jedem Fall. Ein Grenzgebiet wäre dann einfach das unmittelbar an die Grenze anschließende Gebiet.

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