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Seuchen in der Literatur (3) 20.und 21.Jhd

Nach dem weltberühmten Werk von Camus “ Die Pest“ erscheint 1951 ein Buch des französischen Autors Jean Giono: „Der Husar auf dem Dach“; hier geht des um die Cholera – Epidemie, die 1832  die Provence heimsuchte. Ein historischer Roman? Auch, aber nicht nur. Giono, der erklärte Pazifist, schrieb es in der Zeit des Kalten Krieges und bezeichnend ist seine Äußerung “ Die Cholera wird durch das Wort Angst übertragen, durch Angst. Unsere heutige Welt ist von Angst geprägt, und es ist genau diese Welt, die Angelo symbolisch erlebt“.

Seuchen 20. Jahrhundert: wieder Verschwörungsmythen

Der zitierte Protagonist Angelo kämpft für Freiheit und  Liebe; er reitet durch die Welt der Seuche, in der immer mehr Chaos herrscht. Ein Generalstabsarzt meldet sich beim Kommandanten, wird aber nicht vorgelassen. Wer etwas verstanden hat, trinkt kein Wasser, sondern isst Melonen. Ein junger Arzt sagt: „Man schickt mich mit einem Schmetterlingsnetz auf Tigerjagd“. Gerüchte kreisen. Wie schon in der Antike: bestimmt hatten die Ausländer die Brunnen vergiftet! Ja, einen Kometen hatte man auch gesehen. Auch hier gibt es überall Rauch von Scheiterhaufen, man kann die Toten nicht beerdigen. Vielleicht sei ja auch eine Fliege schuld. „In den Städten mangelt es nicht nur an Chlorid, es mangelt an allem, jedenfalls am Nötigsten, um mit einer Fliege fertig zu werden, zumal es diese Fliege nicht einmal gibt“. „Das Einzige, gegen das man gar kein Mittel gefunden hat, ist die Melancholie; das Ausmaß ihrer Verwüstung bleibt uns verborgen“.  Man könne auch sehr wohl wissen, woran jemand gestorben ist, warum aber, darüber erfahre man nichts in einer Autopsie. Und ein wichtiger Schlüssel-Satz: „Die Seuche steigert angesichts des allgegenwärtigen Todes den jedem Menschen angeborenenen Egoismus maßlos.“ Wenige Beispiele, um zu zeigen, wie sehr es sich vielleicht lohnt, auch dieses Buch jetzt zu lesen, auf der Suche nach Erfahrungen, die überall und immer gemacht wurden.

Kann Liebe eine Krankheit sein?

30 Jahre später stellt Garcia Marquez diese Frage. Sein Roman „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ passt nicht ganz in diese Reihe, denn es geht hauptsächlich nicht um die Seuche, sondern um die Liebe. Auf einem Schiff  benutzen die Liebenden eine Choleraflagge, um aus Zeit, Ort und Gesellschaft „auszusteigen“, wirklich ganz allein und ungestört zu sein, um woanders zu leben, in einer Utopie, da, wo sie „das Grauen des wirklichen Lebens“ nicht sehen müssen.

Krankheiten und Schuldige

In Lukas Hartmanns „Die Seuche“, 2009 erschienen, geht es wieder um die Zeit der Pest im 14. Jahrhundert. Wieder hat Gott die Krankheit geschickt, um die Menschen  zu strafen; wieder werden als Schuldige die Juden ausgemacht, die Brunnenvergifter. Es wird immer schwerer, an Gott zu glauben. Das Neue und Ungewöhnliche an dem Buch ist, dass der Autor zeitgenössische Berichte aus Uganda zwischen Abschnitten einschiebt, manchmal sogar zwischen Sätzen, Reportagen aus der Kleinstadt Kyotera, wo die jungen Leute der Reihe nach an Aids sterben. Das macht das Buch nicht „lesefreundlich“, aber umso interessanter. Es lohnt, sich auf diese Gegenüberstellung der gleichen Ohnmacht einer Gesellschaft in zwei verschiedenen Epochen einzulassen. Desolate Wohnverhältnisse, mangelnde Hygiene, die Verschwörungsmythen und die Ausgrenzung der Kranken. Kein wirklicher Fortschritt in 600 Jahren!

Nemesis

Fast gleichzeitig, aber ganz anders: „Nemesis“ von Philip Roth, erschienen 2010. Nemesis ist die altgriechische Göttin des gerechten Zorns, sie straft vor allem menschliche Hybris, Selbstüberschätzung, wird zur Rachegöttin da, wo das göttliche Gesetz übertreten wird. Die fiktive Seuche in diesem Text ist eine Polio – Epidemie 1944, acht Jahre vor der Entwicklung des ersten Polioimpfstoffs und zu einer Zeit, in der junge amerikanische Männer in Europa kämpften und starben. Zwei der Daheimgebliebenen erkranken und verarbeiten die Krankheit völlig verschieden: der Eine klagt Gott und sich selbst an, zerstört seine Liebe und zieht sich völlig aus seinem früheren Leben zurück; der Andere, Atheist, nimmt die Krankheit als einen der Zufälle des Lebens und verarbeitet sie produktiv, indem er behindertengerechte Wohnungen baut.

Theodizee und feindliche Gottheit

Zunächst die immer fast gleichen Beschreibungen: Herunterspielen, zu späte Informationen, die zunehmende Angst, die ersten Hygiene-Maßnahmen und Quarantänen, das Tragen von Masken. Antisemitismus. Irgendwann fuhren „die Glücklichen, die Privilegierten, den Sommer über fort“. In diesem gar nicht langen, aber komplexen Roman geht es nur vordergründig um die Epidemie. Es geht um kompliziert miteinander verwobene Themen wie Männlichkeit, alte Tugenden, Verantwortung und vor allem um die Frage nach Gott. „Zorn nicht auf das Polio-Virus, sondern auf Gott, den Schöpfer dieses Virus“. – „Ich weiß nicht, wieso Gott die Kinderlähmung überhaupt erschaffen hat. Was wollte er damit beweisen?“ Und schließlich: „Nur eine feindliche Gottheit konnte eine Krankheit wie die Kinderlähmung erschaffen“. “ Nur eine feindliche Gottheit konnte den Zweiten Weltkrieg erschaffen. Wenn man alles zusammennahm, sprach vieles für die Existenz einer feindlichen Gottheit.“

Corona – Pandemie

2020 schrieb Martin Meyer: „Corona“, einen kurzen Roman, der aber hauptsächlich  frühere literarische Darstellungen verarbeitet. Mehr auf unsere heutige alltägliche Realität bezogen ist da schon Juli Zehs gerade erschienener Roman „Über Menschen“. Da flüchtet eine Berlinerin in der Corona – Krise aufs Land, und im 1. Kapitel kommen die verschiedensten Standpunkte zu Wort. Unser jetziges Erleben wartet noch auf viele neue literarische Verarbeitungen, man darf gespannt sein. Bis dahin aber ist es wirklich lohnend, die früheren Bücher zu lesen, die sich mit Pandemien, Epidemien, Seuchen, und ihren Auswirkungen auf uns, den Menschen, beschäftigen.

Pandemie – Effekte

Was ist gleich und was ist neu, vergleicht man frühere Seuchen mit der Corona-Pandemie? Nach einer Phase des Nicht-wahr – haben – Wollens hat das Infektionsereignis immer individuelle und gesellschaftliche Auswirkungen; pandemischer Ausbruch sorgt für internationale Konfliktsituationen. Es entstehen immer die gleichen Muster von Abschottung und  Schuldzuweisung an Andere, so blühen Populismus und Verschwörungstheorien, während ein auch sonst vorhandener Rassismus erstarkt und langsam die Krankheit auf allen Gebieten instrumentalisiert wird. Das Bedürfnis, Zusammenhänge zu finden und Ursachen zu benennen führt  zu vielen, sehr häufig religiösen Deutungsmustern.

Positives einer Seuche?

Wie schon Camus in der „Pest“ schreibt, ruft die Seuche zwar das Schlechteste, aber auch das Beste im Menschen hervor. Wieviel Kräfte in der heutigen Pandemie mobilisiert wurden: Solidarität und Hingabe, Pflege und Nachbarschaftshilfe, darf nicht einfach übersehen werden. Zu verzeichnen ist aber auch, dass Seuchen zwar immer zerstörten, dennoch auch Fortschritt beschleunigten. Masken und  Kontaktbeschränkungen, Hygiene-und Quarantänemaßnahmen stellten sich schon früh als anerkanntes Mittel heraus. Während der Pestepidemie im Mittelalter wurden Krankenhäuser gebaut, auch die Charité begann als Pesthaus. Mit der Cholera- Epidemie im 19. Jahrhundert begann die Epidemiologie; die Seuche führte zu wesentlichen Grundlagen von „Public health“ durch den Nachweis der Bedeutung von Trinkwasser, weshalb neue  Wasserleitungskonzepte entwickelt wurden. Heute suchen akademische und industrielle Entwickler weltweit nach Impfstoffen und Therapien. Neu verstanden haben wir hoffentlich spätestens jetzt in der Coronapandemie die Wichtigkeit von Lagerhaltung und Lieferketten für eine in die Zukunft denkende Vorsorge.

„Gleichmacher“ Seuche?

Nein, wir sehen immer mehr, dass verschiedene Gruppen anders betroffen werden, dass gesellschaftliche Unterschiede, Machtstrukturen und Ungleichheiten stärker hervortreten, was an das gleiche Bild bei Globalisierung und Klimawandel erinnert. Ein breiter interdisziplinärer wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Diskurs ist nötig, um hier die nötigen Lehren zu ziehen, er hat erst begonnen. Zukunft ist weltweit nur mit globaler Verantwortung denkbar.

Was kann Literatur

Literatur hält keine Lösungen für unsere jetzige Krise bereit. Literarische Texte sind aber immer mehr als Beschreibungen einer Situation und nicht nur zum Zeitvertreib nützlich. Sie werfen die übergreifenden Fragen auf, wobei uns heute besonders eine umtreibt: was macht die jetzige Covid -19 – Pandemie mit uns Menschen und der Gesellschaft? Von den  gewonnenen Erkenntnissen wird unsere Zukunft abhängen. So sind literarische Texte wichtig: sie sind Anreger für eigene Gedanken und Trigger für  Diskussionen. Passt vielleicht doch noch eins der hier angegebenen Bücher in den Reisekoffer, jetzt, zu Beginn der Urlaubszeit?

 

Literaturtipps

Andreas Brenner: Corona-Ethik. Ein Fall von Global-Verantwortung?

Jean Giono. Der Husar auf dem Dach.

Lukas Hartmann: Die Seuche

Bernd Kortmann, Günther G. Schulze ( Hrsg): Jenseits von Corona. Unsere Welt nach der Pandemie ‒ Perspektiven aus der Wissenschaft. 

Gabriel Garcia Marquez: Die Liebe in Zeiten der Cholera

Martin Meyer: Corona

Philip Roth: Nemesis

Juli Zeh: Über Menschen

 

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Seuchen in der Literatur (2)

Etwa hundert Jahre nach Defoe’s „Pest in London“ erscheinen drei Texte: „Die Maske des roten Todes“ von Edgar Allan Poe, „Die schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf und „Granit“ von Adalbert Stifter, die die Thematik als Märchen und Legende verarbeiten. Erst danach kommen wieder Bücher, die sich mit realem Seuchenerleben auseinandersetzen. …mehr lesen

Seuchen in der Literatur (1)

Seit einem Jahr leben wir in der Pandemie. Der Rückzug in den eigenen Kokon macht krank, Frustration und auch Verzweiflung wachsen. Was hilft ein wenig? Lesen hilft immer, vielleicht auch das Wissen, dass Seuchen gar nicht einmalig und neu sind? Ich machte mich auf die Suche, wann und wie Seuchen in der Literatur verarbeitet wurden und stieß dabei auf Texte aus allen Jahrhunderten, in denen wir uns oft erstaunlich genau wiederfinden können.

Seuchen in Antike und Mittelalter

Schon bei Homer  im 8. Jhd. v.u.Z. finden sich Berichte in der Ilias: die Pest war vom Gott Apollon geschickt worden. Etwa 400 Jahre später beschreibt der Historiker Thukydides die attische Seuche in allen Einzelheiten, wobei für uns die getroffenen Maßnahmen sowie die Reaktionen der Gesellschaft besonders interessant sind. Ein großer zeitlicher Sprung bringt uns ins 14. Jahrhundert zu Giovanni Boccaccios „Decamerone“, der bekannten Novellen – Sammlung, die genau in der Zeit des wütenden „schwarzen Todes“ geschrieben wurde. Auch hier wird „die Härte des Himmels“ angeführt als Urheber der Seuche, wobei es aber mehr um bestimmte ungünstige Sternbilder geht als um direkte Anschuldigung Gottes. Boccaccio beschreibt eindringlich die völlige Hilflosigkeit der Medizin:  selbst Hippokrates, Äskulap und Galen hätten hier nichts ausrichten können!  Es gab von der Stadt erlassene Maßnahmen: sogenannte Pestknechte wurden bestimmt, die die Funktion der Totengräber übernahmen. Alle Bürger sollten sich nur innerhalb ihres Stadtbezirks bewegen. Besuche von außen wurden immer mehr eingeschränkt.

Vor 350 Jahren: die Pest in London

Daniel Defoe, 1660-1731, den Meisten eher bekannt als Autor des Robinson Crusoe, war als Kind in London, als die große Pest ausbrach. Er hat dann mit 63 Jahren die „Pest zu London“ geschrieben. Der Text, den er als  „Bericht eines schrecklichen Jahres“ bezeichnet, ist heute in der Covid-19 – Pandemie sehr lesenswert. Zunächst gab es viele Gerüchte, woher die Krankheit kam. Das bedeute aber wenig, schreibt Defoe, wesentlich sei nur, dass sie eben wieder in Holland eingeschleppt worden war und von da nach London. Defoe berichtet davon, dass es „ziemlich Symptomlose“ gebe, die aber ansteckend und deshalb besonders gefährlich seien.

Zitate sprechen für sich selbst; für mich waren Parallelen zu heute aus dieser gar nicht so fernen Zeit eindrucksvoll:

„Damals gab es bei uns noch keine gedruckten Zeitungen, um Gerüchte und Neuigkeiten zu verbreiten, die dann durch die Phantasie der Leute weiter ausgeschmückt wurden, wie es nach meiner Erfahrung seither der Brauch geworden ist“. – “… scheint die Regierung ganz genau unterrichtet gewesen zu sein. Sie hielt mehrere Sitzungen ab, um über die Mittel zu beraten, das Herüberkommen der Seuche zu verhindern, aber dies alles wurde ganz heimlich betrieben. Daher geriet das Gerücht allmählich wieder in Vergessenheit, und die Leute hielten dafür, daß es sie eigentlich nicht viel anging und hoffentlich gar nicht wahr wäre.“  – „Irgendwann war es mit den Beschönigungen vorbei, die Sterblichkeitsziffern zeigten es… wohlhabendere Leute, besonders der Adel und die Vornehmen aus dem Westen, hasteten, mit ihren Familien und ihrer Dienerschaft aus der Stadt zu kommen. Diese Flucht dauerte, wie gesagt, einige Wochen, d. h. den ganzen Mai und Juni hindurch, besonders auch, weil das Gerücht von einer kommenden Verfügung der Regierung sprach, alles Reisen durch Schlagbäume und Schranken auf den Straßen zu verhindern.“ – „Weinen und Klagen fast in jedem Hause, besonders in der ersten Zeit der Seuche. Denn später stumpften sich die Herzen ab. Der Tod war beständig vor unsern Augen, und auch der Verlust der Freunde kümmerte den nicht mehr viel, der vielleicht schon in der nächsten Stunde das eigne Leben zu verlieren erwarten mußte.“

Was tut „das Volk“?

Dann traten auf:.. „die Hexenmeister und Schlauköpfe, die einen solchen Schwindel trieben“ – Man sah einen Kometen, dem man Bedeutung zumaß. Astrologische Prophezeiungen… „Altweibergeschwätz“, Irre sowie jeder Art Gestörte auf den Straßen, die Engel und Geister sahen.“ – Das Volk …“griff nun in seiner Unwissenheit, Torheit und Angst zu den sinnlosesten Mitteln“.- „Es lief, … um die Zukunft zu erfahren, zu Beschwörern, Hexenmeistern und sonstigen Schwindlern, die es in beständiger Furcht und Unruhe erhielten, um Geld aus ihm herauszulocken. Ebenso wild war es hinter Quacksalbern und Marktschreiern her und ließ sich von jedem alten Kräuterweib mit Pillen, Tränken und Schutzmitteln vollstopfen“. – „Anderseits kann man es kaum glauben oder sich vorstellen, wie die Straßenecken und Hauswände über und über mit Anschlagzetteln von Ärzten bedeckt waren, mit Anzeigen von unwissenden, quacksalbernden Burschen, die die Leute einluden, sie aufzusuchen und ihnen Schutzmittel anpriesen.- … während „die Armen, unter denen die Seuche am meisten wütete, sich auch am wenigsten darum scherten, und ihren Geschäften mit einer Art von rohem Mut nachgingen.“

Maßnahmen von Stadt, Politik

Nicht nur Anordnungen der städtischen Verwaltung gab es, sondern offensichtlich auch ein „Infektionsschutzgesetz“(!) durch Parlamentsbeschluss:

„Der Lordmayor, ein sehr gewissenhafter und frommer Mann, bestimmte Ärzte und Bader zur Hilfe für die Armen, wenn sie krank wurden und befahl insbesondere dem Ärztekollegium, Leitsätze für billige Heilmittel bei allen Symptomen der Seuche herauszugeben“.  – Die Absperrung der Häuser war eine Maßregel, die, soweit ich unterrichtet bin, zum ersten Male während der Pest von 1603, als König Jakob I. auf den Thron kam, angewendet wurde. Damals wurde die Vollmacht, Leute in ihren eigenen Häusern abzusperren, durch eine Parlamentsakte gewährleistet, deren Titel lautete: Beschluß über die mildtätige Unterstützung und Behandlung von an der Pest erkrankten Personen“.  –  „Anfangs nannte man diese Absperrung der Häuser eine recht grausame und unchristliche Maßregel, und die solchermaßen eingesperrten Leute klagten aufs Bitterste; auch kamen täglich die heftigsten Beschwerden an den Lordmayor über zu Unrecht oder aus Bosheit abgesperrte Häuser. Die Untersuchung ergab die Grundlosigkeit mancher Beschwerden“. – „Leute kümmerten sich nicht um Verbote, flohen und verbreiteten die Seuche so weiter. Sie griffen die Wächter tödlich an….“

Viele Einzelheiten wurden geregelt, z.B. betreffend Absonderung, Straßenreinigung, Begräbnisse; auch diese Anordnung findet sich:

…“Sollen alle öffentlichen Festessen, besonders jene der städtischen Innungen, in Gast- und Bierhäusern und allen sonstigen Orten für öffentliche Zusammenkünfte, bis auf weiteres verboten sein“.

Eine interessante Vorschrift war, dass das gesparte Geld, welches nicht mehr für diese öffentlichen Festessen gebraucht würde, „zum Wohle der von der Seuche betroffenen Armen verwendet werden“ sollte.

Ein Fazit der Seuche?

Der Autor Defoe, hin- und hergerissen zwischen „Weggehen“ und „Bleiben“, bleibt schließlich, weil er glaubt, vor dem von Gott bestimmten Schicksal nicht davonlaufen zu können und dass es deshalb auch seine Pflicht sei, zu bleiben. Er isoliert sich und schreibt. Als die Seuche vorbeigeht, vermerkt er besonders:

Recht ernst waren die Vorwürfe, die man den Ärzten machte, weil sie während der Pest ihre Kranken im Stiche gelassen hätten. Als sie jetzt wieder in der Stadt erschienen, wollte niemand mehr mit ihnen zu tun haben“.

Auch die Geistlichkeit musste sich viel anhören. Aber im Ganzen:

„Bei den meisten mochte es allerdings zu Recht heißen, was von den Kindern Israels gesagt wurde, als sie nach ihrem Durchzug durch das Rote Meer die Ägypter im Wasser versinken sahen: »Sie lobten Gott, aber bald vergaßen sie seine Werke“

Der bemerkenswerte Text schließt so:

„Doch hier will ich Schluß machen, um nicht tadelsüchtig und vielleicht ungerecht gescholten zu werden, wenn ich mich in Erwägungen einließe, warum die Undankbarkeit und Schlechtigkeit wieder zu uns zurückkehrte“

Ausblick auf die Zeit nach Covid-19

Diese Fragen sind für uns heute wichtig: was haben wir aus der Pandemie gelernt? Werden wir sofort vergessen? Wie werden unsere Reaktionen, Verordnungen und Vorschriften, unsere gesamte Organisation in der nächsten Pandemie sein? Wir sollten uns jetzt mit ihnen beschäftigen! Ein Rückblick in die Geschichte kann beim Nachdenken helfen.

Es gibt viele großartige literarische Texte zu Seuchen, ob mehr regional als Epidemien oder auch weltweit, also Pandemien.  Im nächsten Beitrag werde ich einen Blick in die Texte ab dem 19. Jahrhundert werfen. Für die ganz alten hier zitierten Texte jedenfalls gilt: eine erste oder erneute Lektüre ist sehr zu empfehlen!

 

Literaturtipps

  1. Homer: Ilias  
  2. Thukydides: der Peloponnesische Krieg
  3. Giovanni Boccaccio: Decamerone
  4. Daniel Defoe: Die Pest zu London
  5. Helmut Neuhold; Große Seuchen und Pandemien
  6. Heiner Fangerau, Alfons Labisch: Pest und Corona

 

Dank für Bild 

Tier oder Labor? Woher kommt das Corona – Virus?

Pandemie? Man kommt mit dem Lesen kaum noch nach. In einer Zeit, in der sich außer Virus – Mutationen zu viele „Fake News“ und Verschwörungstheorien exponentiell verbreiten, ging eine wichtige Veröffentlichung in der New York Times vielleicht etwas unter: ein Aufruf von Forschern, die weitere „unbehinderte und internationale“ Untersuchungen fordern, um die Herkunft des Coronavirus Sars- Cov- 2 zu klären, weil es da nicht nur um die jetzt herrschende Pandemie, sondern um mögliche zukünftige ginge. …mehr lesen

Wünschen – Wollen – Entscheiden als Patient

Wenn man jemand zur Zeit fragt, was er will, dann ist die wahrscheinlichste Antwort: dass die Pandemie vorbeigeht. Alles dauert zu lange, die Nerven liegen blank. Allerdings ist das eigentlich kein Wollen, sondern Wünschen. Wünschen kann man alles, wollen nur etwas Zielgerichtetes, das Handeln erfordert. Nur kleinen Kindern können Entscheidungen abgenommen werden, bei Erwachsenen erfordert jedes Wollen Handeln und Entscheiden. …mehr lesen