Seuchen in der Literatur (2)

Etwa hundert Jahre nach Defoe’s „Pest in London“ erscheinen drei Texte: „Die Maske des roten Todes“ von Edgar Allan Poe, „Die schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf und „Granit“ von Adalbert Stifter, die die Thematik als Märchen und Legende verarbeiten. Erst danach kommen wieder Bücher, die sich mit realem Seuchenerleben auseinandersetzen.

Ob aber in Gotthelfs Novelle, Stifters Erzählung oder der fantastischen Geschichte Poes: in allen kann man der schicksalhaften Seuche mit Kunstgriffen nicht entrinnen kann, auch nicht als König mit allem Reichtum der Welt. Wobei es bei Poe gar keinen Trost mehr gibt, jeder noch so raffinierte Versuch scheitert, und am Ende bleibt selbst die Uhr stehen, als der Letzte der fröhlichen Gesellschaft  stirbt. Gotthelf versteht ganz im Sinne der Zeit die Krankheit als vom Teufel geschickt, empfiehlt ein gottesfürchtiges Leben und Besinnung auf Religion und Sitte als Medizin; Stifter gibt immerhin einen positiven Ausblick auf die Zukunft, indem er zwei Kinder überleben lässt.

„Die Pest in Bergamo“

Nicht das traumatische um die Welt gehende Ereignis Covid in Bergamo 2020 ist gemeint, sondern das Buch Jens Peter Jacobsens von 1881. Die Seuche brach in der unteren neuen Stadt aus, zuerst floh man in die alte auf dem Berg, zündete sogar die verlassene an, aber es half nichts, die Seuche erreichte auch sie. Die in die Altstadt Geflohenen brachten die Krankheit mit sich und wurden deshalb verjagt von den ansässigen Bauern, lebten obdachlos unter Brücken und auf Feldern. Wie schon bei den Beschreibungen aus der Antike wird auch hier das Zusammenbrechen der öffentlichen Ordnung und des gesellschaftlichen Zusammenhaltes eindringlich beschrieben:

Zusammenbrechende Gesellschaft

„Gleich im Anfang, als die Pest ausbrach, hatten sich die Menschen in Einigkeit und Eintracht zusammengeschlossen, hatten achtgegeben, daß die Leichen ordentlich und gut begraben wurden[…]Wacholder und Essig waren an die Armen verteilt worden […]Aber das half alles nicht; es gab nichts, was half. Und als das Volk das begriff und allmählich fest wurde in dem Glauben, daß der Himmel entweder nicht helfen wollte oder nicht konnte, da legten sie nicht nur die Hände in den Schoß und sagten, daß alles so kommen müsse, wie es kommen sollte, nein, sondern es war, als sei die Sünde aus einer heimlichen, schleichenden Seuche zu einer boshaften und offenbaren, rasenden Pest geworden, die Hand in Hand mit der körperlichen Krankheit danach ausging, die Seele zu morden, so wie jene ihre Leiber vernichtete. So unglaublich waren ihre Taten, so ungeheuer ihre Verhärtung. Die Luft war voll von Lästerung und Gottlosigkeit, von dem Stöhnen der Straßen und dem Heulen der Häuser, und die wildeste Nacht war nicht schwärzer von Unzucht, als ihre Tage es waren.»Heute wollen wir prassen, denn morgen sind wir tot!« […] Die unnatürlichsten Laster blühten unter ihnen, und selbst so seltene Sünden wie Nekromantia, Zauberei und Teufelsbeschwörung waren ihnen wohlbekannt, denn da waren viele, die vermeinten, bei den Mächten der Hölle den Schutz zu finden, den der Himmel nicht hatte gewähren wollen. Alles was Hilfsbereitschaft oder Mitleid hieß, war aus den Gemütern geschwunden, jeder hatte nur Gedanken für sich selbst. Der Kranke wurde als gemeinsamer Feind aller angesehen.“

Liebe und Verantwortung

Positivere Seiten vor dem Hintergrund der Pestepidemie beschreiben Karl May in „Von Bagdad nach Stambul“ und Louis Bromfield in „Der große Regen“, Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts: Solidarität, Aufopferung, Empathie. Bei May wird erst der eine Freund liebevoll vom Anderen  gepflegt und nach seiner Genesung drehen sich die Rollen um: der ehemalige Pflegende erkrankt und der ehemals Schwerkranke hilft. Bei Bromfield geht es um die Pest in Indien, die als letzte Katastrophe auf dem Boden von Elend, Taifun und Überschwemmungen ausbricht und  wo ganz verschiedene Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen mit einem indischen Arzt helfend eingreifen.

Verschweigen, Vertuschen, zu späte Maßnahmen

In Thomas Manns “ Der Tod in Venedig“ (1911)  wird wieder eine Seuche in der Literatur thematisiert; eigentlich spielt sich eine Lebenskatastrophe vor dem Hintergrund der Seuche ab. Diese ist ständig präsent, auch wenn es um ganz Anderes geht: um Altern und Vergehen, um Homosexualität in Zeiten von Unterdrückung. Wie ging man mit der Cholera, um die es sich hier handelt, um?  Erst wurde sie  verheimlicht wegen „der Furcht vor allgemeiner Schädigung, der Rücksicht auf die kürzlich eröffnete Gemäldeausstellung in den öffentlichen Gärten, auf die gewaltigen Ausfälle, von denen im Falle der Panik […] die Hotels, die Geschäfte, das ganze vielfältige fremde Gewerbe bedroht waren“; diese Furcht „zeigte sich mächtiger in der Stadt als Wahrheitsliebe und Achtung vor internationalen Abmachungen“;  es gab also eine „Politik des Verschweigens“, die zu vielen Widersprüchen und schließlich zu Unruhe in der Bevölkerung führte, weil in den Zeitungen „Behauptungen und Widerrufe wechselten,[..].die Zahl der Erkrankung der Todesfälle sollte sich auf 2040 und mehr belaufen und gleich darauf wurde jedes Auftreten der Seuche wenn nicht rundweg in Abrede gestellt, so doch auf vereinzelte von außen eingeschleppte Fälle zurückgeführt“. Als erste Maßnahmen beschlossen wurden, hieß es: „Das ist Vorschrift, mein Herr, bei solcher Hitze und bei Scirocco; der Scirocco ist der Gesundheit nicht zuträglich. Das ist eine vorbeugende Maßregel, eine polizeiliche Anordnung gegen die Wirkungen der drückenden Witterung“.

Flucht, Politik gegen Wissenschaft

Erst als die Wahrheit langsam durchsickerte, reisten Viele ab. Auch der reale Thomas Mann gehörte dazu, während seine literarische Figur Aschenbach bis zum persönlichen Ende blieb. Interessant ist zu lesen, was aus dieser Zeit dokumentarisch vorhanden ist: ein Plakat der Ärztekammer Venedig hatte eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen wie außer dem Verzicht auf Genuss von Früchten z.B. auch Schließung von Schulen, die Stadt aber folgte nicht. In Wien dagegen hatte man einen Mann sofort untersucht, nachdem er aus Venedig kam und nach bestätigter Diagnose ihn und seine ganze Familie  isoliert sowie  Kontaktpersonen verfolgt. Auch berichtete die Berliner Volkszeitung vom 4.6.1911 dass die venezianischen Behörden nicht nur untätig blieben, sondern sogar die Nachricht, es gebe bereits Hunderte von Erkrankungen, dementierten.

Tod der Zivilisation

Seuche als Science Fiction? Ja, das Buch “ Die Scharlachpest“ von Jack London, 1912, beschäftigt sich mit der Welt nach einer im Jahre 2013 ausgebrochenen Pandemie, wobei der Autor eigentlich sein eigenes Erleben einer ganz anderen Katastrophe einbringt: des großen Erdbebens von San Franzisko 1906; dennoch ist dies der erste literarische Text, der beschreibt,  wie  die Erde nach einer wirklichen Pandemie, einer globalen Seuche, die nicht zu beherrschen ist, aussehen könnte.

Ein fast 90 – jähriger ehemaliger Professor für Literatur und Geschichte erzählt seinen Enkeln von der Zeit, bevor die Pest fast die gesamte Menschheit ausrottete und die Erde wieder in steinzeitlIche Gegebenheiten zurückversetzte. Das besonders Interessante dabei ist, dass es nicht nur keine Zivilisation mehr gibt, sondern vor allem, dass die Enkel keine Begriffe kennen, weil sie die Dinge von früher nicht kennen, also verstehen sie die Sprache des Großvaters kaum. Sie können Wörter, Zahlen und Dimensionen nicht einordnen und helfen sich oft damit, dass sie sich lustig machen. Was ist zum Beispiel Bildung? „Das ist wenn man zu rot scharlachrot sagt“.

Der Professor doziert: „ Je leichter es war, sie zu ernähren, um so mehr Menschen gab es; je mehr Menschen es gab, um so dichter lebten sie zusammen, und je dichter sie zusammenlebten, um so mehr Bazillenarten bildeten sich und riefen neue Krankheiten hervor. Wir nannten es Seuche. Sehr viele dieser Seuchen entstanden durch etwas, was wir Bakterien nannten. Behaltet dieses Wort – Bakterien. Eine Bakterie ist ein ganz winziges Ding. Sie ist wie die Milben, die ihr im Frühling auf den Hunden findet, wenn sie durch die Wälder laufen. Nur daß die Bakterien viel kleiner sind. Sie sind so klein, daß ihr sie gar nicht sehen könnt.“ Lebewesen, die man nicht sehen kann – auch das können sich die Enkel nicht vorstellen.

Grausam führt das Buch vor, dass nur Überleben zählt. Es gibt keine Solidarität, keine Hilfeleistung, nicht so etwas wie Liebe und Sorge, auch keinen moralischen Kompass mehr.

Freiheit und Diktatur

Zu  Albert Camus‘ Werk “ Die Pest“ von 1947 werde ich wenig sagen, weil wohl in den letzten fast 75 Jahren alles dazu gesagt und geschrieben wurde. Wer das Buch noch nicht gelesen hat, könnte das vielleicht jetzt tun. Der zeitlose Roman stellt nicht nur die Seuche realistisch dar, sondern benutzt „Pest“ als Metapher für die Diktatur der Nazizeit und jede vergleichbare Situation. Camus selbst sagt dazu in seinen Tagebüchern: „Ich will mit der Pest das Ersticken ausdrücken, an dem wir alle gelitten haben, und die Atmosphäre der Bedrohung und des Verbanntseins, in der wir gelebt haben. Ich will zugleich diese Deutung auf das Dasein überhaupt ausdehnen.“ Das ist ihm gelungen. Er beschreibt, für uns heute wieder besonders interessant, auch das Verleugnen und Vertuschen am Anfang, dann das komplette Abriegeln, die fieberhafte Suche der Wissenschaft nach Medikamenten, Impfstoffen, „dem Serum“, aber eben auch das: wie die Seuche das Beste und das Schlechteste im Menschen hervorruft und verstärkt. Und er gibt uns ein  trostreiches Fazit: nur Solidarität, Liebe und Zusammenhalt sind letztlich für menschliches Zusammenleben wirklich wichtig. „[…]was man in Plagen lernt, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt“ sagt im Buch der Arzt Rieux . 

Im nächsten und  letzten Teil über die literarische Verarbeitung von Seuchen gibt es dann die Bücher von 1950 bis heute.

 

Literaturtipps:

Albert Camus: Die Pest

Jack London: Die Scharlachpest, J.P.Jacobsen: Die Pest in Bergamo, E.A.Poe: Die Maske des Roten Todes, drei in einem Band 

Jeremias Gotthelf: Die schwarze Spinne.

Adalbert Stifter: Granit. In “ Bunte Steine“

Karl May: Von Bagdad nach Stambul

Louis Bromfield: Der Große Regen

Thomas Mann: Der Tod in Venedig

 

 

 

 

Bild von congerdesign auf Pixabay

Kommentar verfassen

*