Covid-19 und andere Pandemien

Was macht eine Pandemie mit uns! Ganz plötzlich ist das ganze Leben verändert. Erst Verwunderung, Angst, dann viele Fragen und wenige Antworten. Nichts ist mehr „normal“. Wir verfolgen Zahlen. Immer schlechter, dann eine Art Stillstand, schließlich etwas besser. Entwarnung? Nein, Öffnung nach außen. Neue Fragen: wie geht es weiter?

Wenn man Neues erlebt, hilft oft, Altes zu suchen. Geschichte, Erfahrungen. Vielleicht eine gesellschaftspolitische Botschaft? Gab es so etwas denn schon einmal?  Ja, oft genug! Millionen starben an Pandemien; vielleicht unkontrollierter, schicksalhafter. Auch noch im 20. Jahrhundert durch die „Spanische Grippe“.

2500 Jahre zurück

Aus der Antike wissen wir am meisten über die Pandemie im 5. Jahrhundert v.u.Z., bekannt als „Pest von Athen“ oder „Attische Seuche“, weil der Zeitgenosse und erste Geschichtsforscher Thukydides (454 bis etwa 399 ) sie in allen Einzelheiten beschrieb. Der Text ist nicht nur die erste Seuchenbeschreibung, sondern ein Lehrstück über Gesellschaften in einer solchen Bedrohungslage.

Es war Krieg. Weil der Plan des Anführers Perikles vorsah, dass sich alle aus dem Umland in die Stadt Athen zurückziehen sollten, gab es viele Flüchtlinge; diese verbrachten „den Sommer in stickig-heißen Hütten“.* Erst Überfüllung, dann Lebensmittelknappheit, ideale Bedingungen für eine Epidemie.

Die Pest war es nicht, welche Seuche wirklich, wird bis heute diskutiert. Die Krankheit begann im Kopf und stieg ab zu allen Organen, die Kranken waren durstig und „brannten“, hatten also wohl hohes Fieber. Auch Tiere erkrankten. Durch Übertragung vom Menschen? Er beschrieb auch, dass besonders die in näherem Kontakt mit Erkrankten Stehenden (Ärzte und Pflegende!) starben. Sogar eine Immunität erwähnt er: „Zweimal befiel die Krankheit nicht ein und denselben mit der Gefahr des Todes.“

Die ganz neue Krankheit

Die  Situation war völlig neu. Eine unbekannte Krankheit; die Ärzte waren hilflos und alle bis dahin bekannten Mittel versagten. Langsam zerfiel die gesellschaftliche Ordnung. „Tote und Sterbende lagen übereinander, die Menschen hielten sich nicht mehr an göttliches und menschliches Gebot“, „Bestattungsriten nach der überlieferten Sitte“ wurden nicht mehr eingehalten, Leichen wurden verbrannt „neue auf schon brennende Scheiterhaufen geworfen“. Langsam, aber unaufhaltsam war von der durch Perikles noch gerade in seiner berühmten „Gefallenenrede“ beschworenen moralischen Überlegenheit der Athener, deren „Selbstgenügsamkeit, Treue und Edelmut“, kaum noch etwas vorhanden. „Sich vorauszuquälen um ein erwähltes Ziel war keiner mehr willig bei der Ungewissheit, ob man nicht, eh man’s erreiche, umgekommen sei; […] Da war keine Schranke mehr, nicht Götterfurcht, nicht Menschengesetz“. Menschen beraubten Verstorbene und hielten es „für Recht, das Angenehme möglichst rasch und lustvoll zu genießen, da ihnen ja Leben und Geld gleicherweise nur für den einen Tag gegeben seien“. Niemand glaubte, für „seine Vergehen noch Gerichtsverhandlung und Strafe […] erleben“ zu müssen. Andererseits starben gerade die, die sich „aus Schamgefühl“ dann doch um die Kranken kümmerten.

Gesellschaftliche und politische Folgen

Eine Gesellschaft, die Thukydides als frei und tolerant darstellt, die Gesetzesbrecher bestraft, Flüchtlinge in Kriegszeiten aufnimmt,  genügsam in ihrem Lebensstil ist und einen starken Zusammenhalt halt, zerfällt also fortlaufend: „Und es war die Pest auch in anderer Hinsicht für die Stadt der Beginn einer weitergehenden Zerrüttung der inneren Ordnung“. Er schließt daraus: der Mensch ist nicht autark in jeder Hinsicht, wie vom Politiker propagiert, sondern vulnerabel, fragil, abhängig und machtlos gegenüber der Natur. So kann Unplanbares politische und historische Prozesse ändern. Ethische Normen sind die Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung. Wenn diese unterhöhlt werden und zusammenbrechen, folgt der Zusammenbruch der Ordnung. So war in Athen eine Seuche vielleicht der erste Schritt zum Untergang.

Ursachensuche und Verschwörungstheorien

Dass es Erreger gibt, die Infektionen verursachen, war unbekannt. Hatten die Feinde die  Brunnen vergiftet? Waren die Fremden schuld, die die Seuche mitgebracht hätten? Zürnten die Götter über Perikles und straften so? Thukydides selbst benutzt keine Verschwörungstheorien, er will nur beschreiben. „Es mag nun über die Krankheit reden, wie ein jeder es ansieht, Arzt oder Laie: von woher es wahrscheinlich sei, daß sie entstand, […] Ich aber werde berichten, wie sie verlief, und diejenigen Kennzeichen angeben, durch deren Beachtung man, wenn sie noch einmal ausbrechen sollte, am meisten in den Stand gesetzt sein würde, aufgrund eines Vorwissens nicht in Unkenntnis zu sein“.

Als im 5. Jhd n.u.Z. die „Justinianische Pest“ im Römischen Reich ausbrach, wurde diese vom Geschichtsschreiber Prokop (500-560 n.u.Z.) und später verschiedenen Mönchen beschrieben. Auch Prokop zeigt gesellschaftliche Konsequenzen, beschönigt aber viel, wie andere zeitgenössische Berichte zeigen; so sagt er, dass gerade Pflegende aufgrund der gottgefälligen Tätigkeit überlebten! Auch hätten Menschen sich altruistischer verhalten unter der Bedrohung.  Wohl gab es schon verbesserte Strukturen, z.B. Hilfe durch kaiserliche Beamte bei Bestattungsproblemen. Wenn auch nicht zum „Untergang“ des byzantinischen Reiches, aber doch zu seiner Transformation trug die Pest sicher bei.

Erste „Maßnahmen“; Quarantäne

Bei der „Schwarzen Pest“ in Asien und Europa ab dem 14. Jhd. schließlich starben etwa 25 Millionen. Es blühten Verschwörungstheorien; nicht nur Kometen klagte man an, auch der Zorn Gottes war wieder Thema, vor allem aber die Theorie der Brunnenvergifter mit  weitreichenden Konsequenzen: man machte die Juden als Urheber aus und gründete darauf ihre Verfolgung. Allerdings gab es auch zum ersten Mal Quarantäne nicht aus Angst der Einzelnen wie in der Athener Zeit, sondern verordnet: Mailand schloss die Stadt für 2 Jahre ganz ab; in Ragusa – Dubrovnik durften Schiffe schon 1377 nicht anlegen; auf Inseln wurden Händler isoliert, dort Krankenstationen errichtet. Verstöße wurden bestraft, aber die Kette war nicht lückenlos: Kaufleute bestachen Beamte und Hungrige durchbrachen Absperrungen. https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Pest-Cholera-Corona-Quarantaene-im-Wandel-der-Zeit,quarantaene100.html

Alles also schon einmal dagewesen?

Pandemien: ja. Erfahrungen über social distancing und Immunität: schon seit der Antike. Uralte Kenntnisse über ein gesundes Leben und Vorsorge vor Krankheiten auch schon aus jener Zeit! Ebenso wie Verschwörungstheorien, Missbrauch für diskriminierende Handlungen jeder Art und Erfahrungen über Nichtbeachtung von Regeln. Kenntnisse über Erreger aber erst spät, über Viren auch heute noch lückenhaft und gesellschaftliche Konsequenzen sehr unterschiedlich. 

Ein persönliches Maßnahmenpaket

Heute wissen wir zumindest, dass Vorsorge besser ist als Heilung! Auch das aber beruht schon auf alter Weisheit. In Griechenland gab es die „Göttin der Gesundheit“ Hygeia, Tochter des Arztes Asklepios, bekannt durch die ersten Sätze des Hippokratischen Eides, wo sie direkt angesprochen wird. Sie war vermehrt für Vorsorge „zuständig“, Behandlungen und Heilmittel übernahmen ihre Schwestern.

 Kann man etwas lernen aus Altem? Das muss jeder Einzelne für sich beantworten. In mein persönliches „Maßnahmenpaket“ sind mehrere Dinge eingeflossen: die uralten Weisheiten der Göttin Hygeia, (von der unser Wort „Hygiene“ kommt), die eigentlich genau mit der Präventivmedizin von heute übereinstimmen: Abwehr stärken durch gesunde Ernährung und körperliches Training. Hygienemaßnahmen und die Erfahrungen des „social distancings“ als Selbstschutz. Nach den heutigen Kenntnissen der Virusübertragung dazu: die Maske als Schutz für Andere, was immerhin schon altruistisch, nicht egoistisch ist und nach Thukydides sogar ein wichtiger Schritt gegen den Zerfall einer ganzen gesellschaftlichen Ordnung wäre! Wohin unsere Gesellschaft aber geht, das muss man wohl abwarten. Als unverbesserliche Optimistin meine ich: vielleicht gibt es jetzt das nötige Umdenken bei Entscheidungsträgern, welches gerade im Gesundheitssystem überfällig ist. „Patientenwohl als ethischer Maßstab für das Krankenhaus“ benannte das der Deutsche Ethikrat 2016. Patientenwohl, nicht Profit! Und gerade legte die Leopoldina ihre brandneue Stellungnahme vor mit der Forderung nach Umstrukturierung unseres Gesundheitswesens. Hoffen wir das Beste! Wann, wenn nicht jetzt, wird diese Notwendigkeit allen klar werden? 

Literaturtipps:

Deutscher Ethikrat: Patientenwohl als ethischer Maßstab. 

Leopoldina: https://www.leopoldina.org/publikationen/detailansicht/publication/coronavirus-pandemie-in-deutschland-herausforderungen-und-interventionsmoeglichkeiten-21-maerz-2020/ 

H.F.J. Horstmannshoff: Epidemie und Anomie. Med hist. Journal 27,1/2 (1992) 43-65. https://www.jstor.org/stable/25805020?seq=1

Mischa Meier: Beobachtungen zu den sogenannten Pestschilderungen bei Thukydides II 47-534  und Prokop Bell.Pers.II 22-23. http://tyche-journal.at/tyche/index.php/tyche/article/view/441/559

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