Medizin und Ethik

Seuchen in der Literatur (1)

Seit einem Jahr leben wir in der Pandemie. Der Rückzug in den eigenen Kokon macht krank, Frustration und auch Verzweiflung wachsen. Was hilft ein wenig? Lesen hilft immer, vielleicht auch das Wissen, dass Seuchen gar nicht einmalig und neu sind? Ich machte mich auf die Suche, wann und wie Seuchen in der Literatur verarbeitet wurden und stieß dabei auf Texte aus allen Jahrhunderten, in denen wir uns oft erstaunlich genau wiederfinden können.

Seuchen in Antike und Mittelalter

Schon bei Homer  im 8. Jhd. v.u.Z. finden sich Berichte in der Ilias: die Pest war vom Gott Apollon geschickt worden. Etwa 400 Jahre später beschreibt der Historiker Thukydides die attische Seuche in allen Einzelheiten, wobei für uns die getroffenen Maßnahmen sowie die Reaktionen der Gesellschaft besonders interessant sind. Ein großer zeitlicher Sprung bringt uns ins 14. Jahrhundert zu Giovanni Boccaccios „Decamerone“, der bekannten Novellen – Sammlung, die genau in der Zeit des wütenden „schwarzen Todes“ geschrieben wurde. Auch hier wird „die Härte des Himmels“ angeführt als Urheber der Seuche, wobei es aber mehr um bestimmte ungünstige Sternbilder geht als um direkte Anschuldigung Gottes. Boccaccio beschreibt eindringlich die völlige Hilflosigkeit der Medizin:  selbst Hippokrates, Äskulap und Galen hätten hier nichts ausrichten können!  Es gab von der Stadt erlassene Maßnahmen: sogenannte Pestknechte wurden bestimmt, die die Funktion der Totengräber übernahmen. Alle Bürger sollten sich nur innerhalb ihres Stadtbezirks bewegen. Besuche von außen wurden immer mehr eingeschränkt.

Vor 350 Jahren: die Pest in London

Daniel Defoe, 1660-1731, den Meisten eher bekannt als Autor des Robinson Crusoe, war als Kind in London, als die große Pest ausbrach. Er hat dann mit 63 Jahren die „Pest zu London“ geschrieben. Der Text, den er als  „Bericht eines schrecklichen Jahres“ bezeichnet, ist heute in der Covid-19 – Pandemie sehr lesenswert. Zunächst gab es viele Gerüchte, woher die Krankheit kam. Das bedeute aber wenig, schreibt Defoe, wesentlich sei nur, dass sie eben wieder in Holland eingeschleppt worden war und von da nach London. Defoe berichtet davon, dass es „ziemlich Symptomlose“ gebe, die aber ansteckend und deshalb besonders gefährlich seien.

Zitate sprechen für sich selbst; für mich waren Parallelen zu heute aus dieser gar nicht so fernen Zeit eindrucksvoll:

„Damals gab es bei uns noch keine gedruckten Zeitungen, um Gerüchte und Neuigkeiten zu verbreiten, die dann durch die Phantasie der Leute weiter ausgeschmückt wurden, wie es nach meiner Erfahrung seither der Brauch geworden ist“. – “… scheint die Regierung ganz genau unterrichtet gewesen zu sein. Sie hielt mehrere Sitzungen ab, um über die Mittel zu beraten, das Herüberkommen der Seuche zu verhindern, aber dies alles wurde ganz heimlich betrieben. Daher geriet das Gerücht allmählich wieder in Vergessenheit, und die Leute hielten dafür, daß es sie eigentlich nicht viel anging und hoffentlich gar nicht wahr wäre.“  – „Irgendwann war es mit den Beschönigungen vorbei, die Sterblichkeitsziffern zeigten es… wohlhabendere Leute, besonders der Adel und die Vornehmen aus dem Westen, hasteten, mit ihren Familien und ihrer Dienerschaft aus der Stadt zu kommen. Diese Flucht dauerte, wie gesagt, einige Wochen, d. h. den ganzen Mai und Juni hindurch, besonders auch, weil das Gerücht von einer kommenden Verfügung der Regierung sprach, alles Reisen durch Schlagbäume und Schranken auf den Straßen zu verhindern.“ – „Weinen und Klagen fast in jedem Hause, besonders in der ersten Zeit der Seuche. Denn später stumpften sich die Herzen ab. Der Tod war beständig vor unsern Augen, und auch der Verlust der Freunde kümmerte den nicht mehr viel, der vielleicht schon in der nächsten Stunde das eigne Leben zu verlieren erwarten mußte.“

Was tut „das Volk“?

Dann traten auf:.. „die Hexenmeister und Schlauköpfe, die einen solchen Schwindel trieben“ – Man sah einen Kometen, dem man Bedeutung zumaß. Astrologische Prophezeiungen… „Altweibergeschwätz“, Irre sowie jeder Art Gestörte auf den Straßen, die Engel und Geister sahen.“ – Das Volk …“griff nun in seiner Unwissenheit, Torheit und Angst zu den sinnlosesten Mitteln“.- „Es lief, … um die Zukunft zu erfahren, zu Beschwörern, Hexenmeistern und sonstigen Schwindlern, die es in beständiger Furcht und Unruhe erhielten, um Geld aus ihm herauszulocken. Ebenso wild war es hinter Quacksalbern und Marktschreiern her und ließ sich von jedem alten Kräuterweib mit Pillen, Tränken und Schutzmitteln vollstopfen“. – „Anderseits kann man es kaum glauben oder sich vorstellen, wie die Straßenecken und Hauswände über und über mit Anschlagzetteln von Ärzten bedeckt waren, mit Anzeigen von unwissenden, quacksalbernden Burschen, die die Leute einluden, sie aufzusuchen und ihnen Schutzmittel anpriesen.- … während „die Armen, unter denen die Seuche am meisten wütete, sich auch am wenigsten darum scherten, und ihren Geschäften mit einer Art von rohem Mut nachgingen.“

Maßnahmen von Stadt, Politik

Nicht nur Anordnungen der städtischen Verwaltung gab es, sondern offensichtlich auch ein „Infektionsschutzgesetz“(!) durch Parlamentsbeschluss:

„Der Lordmayor, ein sehr gewissenhafter und frommer Mann, bestimmte Ärzte und Bader zur Hilfe für die Armen, wenn sie krank wurden und befahl insbesondere dem Ärztekollegium, Leitsätze für billige Heilmittel bei allen Symptomen der Seuche herauszugeben“.  – Die Absperrung der Häuser war eine Maßregel, die, soweit ich unterrichtet bin, zum ersten Male während der Pest von 1603, als König Jakob I. auf den Thron kam, angewendet wurde. Damals wurde die Vollmacht, Leute in ihren eigenen Häusern abzusperren, durch eine Parlamentsakte gewährleistet, deren Titel lautete: Beschluß über die mildtätige Unterstützung und Behandlung von an der Pest erkrankten Personen“.  –  „Anfangs nannte man diese Absperrung der Häuser eine recht grausame und unchristliche Maßregel, und die solchermaßen eingesperrten Leute klagten aufs Bitterste; auch kamen täglich die heftigsten Beschwerden an den Lordmayor über zu Unrecht oder aus Bosheit abgesperrte Häuser. Die Untersuchung ergab die Grundlosigkeit mancher Beschwerden“. – „Leute kümmerten sich nicht um Verbote, flohen und verbreiteten die Seuche so weiter. Sie griffen die Wächter tödlich an….“

Viele Einzelheiten wurden geregelt, z.B. betreffend Absonderung, Straßenreinigung, Begräbnisse; auch diese Anordnung findet sich:

…“Sollen alle öffentlichen Festessen, besonders jene der städtischen Innungen, in Gast- und Bierhäusern und allen sonstigen Orten für öffentliche Zusammenkünfte, bis auf weiteres verboten sein“.

Eine interessante Vorschrift war, dass das gesparte Geld, welches nicht mehr für diese öffentlichen Festessen gebraucht würde, „zum Wohle der von der Seuche betroffenen Armen verwendet werden“ sollte.

Ein Fazit der Seuche?

Der Autor Defoe, hin- und hergerissen zwischen „Weggehen“ und „Bleiben“, bleibt schließlich, weil er glaubt, vor dem von Gott bestimmten Schicksal nicht davonlaufen zu können und dass es deshalb auch seine Pflicht sei, zu bleiben. Er isoliert sich und schreibt. Als die Seuche vorbeigeht, vermerkt er besonders:

Recht ernst waren die Vorwürfe, die man den Ärzten machte, weil sie während der Pest ihre Kranken im Stiche gelassen hätten. Als sie jetzt wieder in der Stadt erschienen, wollte niemand mehr mit ihnen zu tun haben“.

Auch die Geistlichkeit musste sich viel anhören. Aber im Ganzen:

„Bei den meisten mochte es allerdings zu Recht heißen, was von den Kindern Israels gesagt wurde, als sie nach ihrem Durchzug durch das Rote Meer die Ägypter im Wasser versinken sahen: »Sie lobten Gott, aber bald vergaßen sie seine Werke“

Der bemerkenswerte Text schließt so:

„Doch hier will ich Schluß machen, um nicht tadelsüchtig und vielleicht ungerecht gescholten zu werden, wenn ich mich in Erwägungen einließe, warum die Undankbarkeit und Schlechtigkeit wieder zu uns zurückkehrte“

Ausblick auf die Zeit nach Covid-19

Diese Fragen sind für uns heute wichtig: was haben wir aus der Pandemie gelernt? Werden wir sofort vergessen? Wie werden unsere Reaktionen, Verordnungen und Vorschriften, unsere gesamte Organisation in der nächsten Pandemie sein? Wir sollten uns jetzt mit ihnen beschäftigen! Ein Rückblick in die Geschichte kann beim Nachdenken helfen.

Es gibt viele großartige literarische Texte zu Seuchen, ob mehr regional als Epidemien oder auch weltweit, also Pandemien.  Im nächsten Beitrag werde ich einen Blick in die Texte ab dem 19. Jahrhundert werfen. Für die ganz alten hier zitierten Texte jedenfalls gilt: eine erste oder erneute Lektüre ist sehr zu empfehlen!

 

Literaturtipps

  1. Homer: Ilias  
  2. Thukydides: der Peloponnesische Krieg
  3. Giovanni Boccaccio: Decamerone
  4. Daniel Defoe: Die Pest zu London
  5. Helmut Neuhold; Große Seuchen und Pandemien
  6. Heiner Fangerau, Alfons Labisch: Pest und Corona

 

Dank für Bild 

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