Medizin und Ethik

Baby-Watching: das Ungeborene als Fernsehstar

Die Nachricht: der Gesetzgeber sagt, ab 2021 soll Ultraschall ohne medizinische Indikation eine Ordnungswidrigkeit sein, also eine rechtswidrige und vorwerfbare Handlung, die bestraft werden kann.* Das ist wohl gut so. Leider liest man nun in diesem Zusammenhang in der Presse,  das Verbot sei wegen nachgewiesener Belastung des Ungeborenen erfolgt. Das führt zu einer großen Verunsicherung bei werdenden Eltern, sind doch Ultraschalluntersuchungen fester Bestandteil der Schwangerenvorsorge. …mehr lesen

Medizin und Virtuelle Realität

Der Begriff, so wie wir ihn verstehen wollen, ist 30 Jahre alt: zur virtuellen Realität (VR) sagte 1989 Jaron Lanier, gehört nicht nur das künstliche Sichtbarmachen einer Welt, sondern die Immersion, das Eintauchen der Person in diese und  die Möglichkeit der Interaktivität. Die Sache selbst allerdings, könnte man sagen, ist so alt wie die Menschheit.

Vorgeschichtliche alternative Realität?

Tatsächlich haben Menschen schon „immer“ versucht, ihre Realität zu überschreiten. In den 20000 und mehr Jahre alten Höhlenmalereien ging es offensichtlich nicht nur um Abbildungen von Tieren, sondern um Erzeugen anderer Bewusstseinszustände durch das Einsetzen von Fackeln, was die Tiermotive beweglich erscheinen ließ. Zeitlich näher liegt uns die griechische Philosophie mit Platons berühmtem Höhlengleichnis. Die Höhleninsassen halten das Schattenspiel für „wirklich Seiendes“. Heute hilft uns die Technik, uns in der virtuell erzeugten Welt als real zu erleben. Was heißt das? Wir reagieren auf eine Welt, die real ja nicht „existiert“. In einer angsterzeugenden Situation z.B. erhöht sich unsere Herzfrequenz und wir schwitzen – genau wie in der realen Wirklichkeit, auch wenn wir wissen, dass wir nicht „wirklich“ gefährdet sind!

Kunst und Literatur waren früher

Der amerikanische Science Fiction Autor Stanley G. Weinbaum veröffentlichte 1935 seine Kurzgeschichte “ Pygmalion’s spectacles“, in der die Menschen Brillen tragen, die sie nicht nur Bilder und Töne erleben lassen, also eine Art Film, sondern gleichzeitig alle Sinnesqualitäten: Geschmack und Geruch. Die Menschen „sehen“ nicht eine verfilmte Geschichte, sondern sind Teil dieser Geschichte. 1964 erschien der Roman „Simulacron-3“ von Daniel F. Galouye, in Deutschland wurde die Verfilmung durch Rainer Werner Fassbinder bekannter ( „Welt am Draht“). Der größte Entwurf einer Simulation, in der die gesamte Erdbevölkerung lebt, gelang aber „Matrix“ 1999. In allen Fällen wird eine Realität erzeugt, die die Teilnehmenden nicht von realen Wahrnehmungen unterscheiden können.

Erweiterte virtuelle Realität (Augmented Reality, AR)

Von AR sprechen wir, wenn eine simulierte Welt mit Teilen aus der realen vermischt wird. Das Spiel „Pokémon Go“ ist ein Beispiel. Inzwischen machen sich nicht nur Spieleindustrie und NASA VR und AR  zunutze, auch in der Medizin werden die Anwendungen breiter. Medizinstudenten können Organmodelle im Sinne des Wortes „betreten“ und sich so besser und schneller in die dreidimensionalen anatomischen Gegebenheiten hineinversetzen. Sie können Untersuchungsmethoden (z.B Darmspiegelungen) im virtuellen Raum üben. Chirurgen können komplizierte Operationen vor dem wirklichen Eingriff am Patienten durchführen. In der Ausbildung der Katastrophenmediziner ist VR inzwischen unersetzbar, kann doch jedes Scenario erstellt werden, welches für die Helfer sonst nie erlebbar wäre. Auch in der Rehabilitation wird VR eingesetzt, zum Beispiel bei Schlaganfallpatienten, die wieder lernen sollen, sich in unbekannten Räumen zu bewegen: VR macht es möglich, die Räume zu verändern. Ein wichtiges Anwendungsgebiet ist die Psychiatrie: je schwieriger es ist,  Patienten direkt zu fragen, was sie in einer bestimmten Situation tun würden, umso hilfreicher erscheint die Alternative, die Situation selbst zu verändern und die Patienten zu beobachten.

Trauma – und Angst-Therapie

Eine bekannte Therapiemethode bei Angststörungen ist die Konfrontationstherapie. VR ermöglicht es leichter, das Angstauslösende zu konstruieren – z.B. Giftspinnen bei entsprechender Spinnenangst oder sehr enge Räume bei Klaustrophobie, Brücken über Abgründen bei Höhenangst uvm. Posttraumatische Belastungsstörungen sind ein anderes Feld, es gibt Modelle zur Therapie von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen. Hunderte von neuen Anwendungen an Patienten wären hier anzuführen, aber auch eine ganz neue Frage für die Behandler: haben Ärzte eigentlich bisher wirklich gewusst, wie es ist, wenn ein Patient nicht oder nur sehr eingeschränkt sehen oder hören kann? Jetzt könnten sie es nachvollziehen, mit Hilfe von VR! Noch weiter: In Versuchen wurden verurteilte männliche Sexualstraftäter in Frauenkörper virtuell versetzt. So konnten sie erleben, wie es sich anfühlt, als Frau von einem Mann angegriffen zu werden. Berichtet wird ferner von erfolgreichem Einsetzen von VR bei Schmerzen.

Realisation und De – Realisation? Person und De – Personalisierung?

Spätestens an dieser Stelle müssen wir fragen, ob wir eigentlich wissen, was da mit uns passiert. Die Antwort müsste „nein“ lauten. Wir wissen sehr wenig, zu wenig, und vor allem über Langzeitfolgen eigentlich nichts. Was macht es mit uns, aus uns, wenn wir uns nicht in einem realen sozialen Miteinander begegnen, sondern als Avatare? Wo ist unser Körper dann? Gibt es uns, unsere Person, auch? Zusätzlich? Wo stehen wir? Sind wir gleichzeitig „Ich“, nur ein Anderes? Sind wir nach der VR-Erfahrung Dieselben wie vorher? Jaron Lanier sagt: ja! Wir bleiben wir, auch wenn wir uns in eine andere Welt und einen anderen Körper hineinbegeben; wir können also eigentlich folgern, dass VR  die Existenz unseres „Bewusstseins“ beweist.

Mit dieser Frage und vielen anderen beschäftigen sich inzwischen die Philosophen: welche Auswirkungen VR auf unser Bewusstsein und unsere Selbstwahrnehmung hat und ob hier nicht letztlich so fundamentale Dinge wie Identität und  Authentizität einfach verändert werden. Auch wurde bereits 2016 durch Madary und Metzinger ein erster ethischer Codex zum Umgang mit VR veröffentlicht https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/frobt.2016.00003/full , wobei die Autoren auf die Wichtigkeit der Freiwilligkeit hinwiesen; das, was wir in der Medizin heute „informed consent“ nennen, die informierte Einwilligung nach verständlicher und ausreichender Aufklärung, die für jeden therapeutischen Eingriff von Seiten des Patienten vorliegen muss, soll ebenso in der VR eingefordert werden.

Schon wieder Orwell?

Nein, es geht hier nicht um Verschwörungstheorien. Nur: wenn man anerkennt, dass in der VR  Bewusstseinszustände und Erfahrungen erzeugt werden können, dann ist VR eben eine Bewusstseinstechnologie und eine Möglichkeit, nicht nur unser Verhalten, sondern auch unser grundlegendes Denken zu beeinflussen. Das kann so lange gut sein, wie es den guten Zwecken einer Therapie dient. Was es aber heißen könnte, wenn diese Möglichkeit eingesetzt wird, staatlich gelenkt Menschen im Sinne einer Ideologie oder eines bestimmten Verhaltens zu manipulieren – darüber sollte jeder Einzelne heute nachdenken! An dieser Stelle erscheinen uns sogar die längst gängigen Methoden des “ Neuromarketings“  als harmlos! Technologien sind zunächst natürlich wertfrei, unsere Anwendung ist das Wesentliche. Nachdem es so scheint, als werde  eine „gemischte“ Realität unsere Zukunft sein, ist es längst an der Zeit, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.

 

Literaturtipps:

  1. Jaron Lanier: Dawn of the new everything
  2. Jaron Lanier: Anbruch einer neuen Zeit
  3. Platon: Der Staat
  4. Maximilian C. Maschmann: Virtual reality Blueprint: ein kurzer Einblick

Einige Beispiele med. Anwendungen:

https://www.hhi.fraunhofer.de/abteilungen/vit/projekte/vreha.html

MAIN PAGE

https://www.youtube.com/watch?v=6CuvyXcRV2w&feature=youtu.be

http://www.vrpain.com

Und, da von 1994 (!) : https://www.aerzteblatt.de/archiv/86621

Zum Thema auch interessant der von der Firma Saturn als Werbespot  hergestellte  (und mit Recht sehr umstrittene!) Film über VR bei Demenz, noch zu sehen auf youtube

 

Ist die moderne Medizin rassistisch?

Rassen gibt es nicht. Jedenfalls nicht im Sinne der alten Rassentheorien, die die Menschen nach dem äußeren Erscheinungsbild (Schädelformen, Hautfarben) oder nach der Herkunft  einteilten. Die  von Anfang an bestehende Unsicherheit bei dem Versuch, die Menschen zu katalogisieren, zeigt sich schon darin, dass man in Systematiken von unter 10 bis über 200 verschiedene „Rassen“ beschrieben hat. Von Anfang an gab es dabei eine Vermischung von Beschreibung und Wertung. Sogar Immanuel Kant war der Meinung, dass sich „Rassen“ in der Bildungsfähigkeit unterscheiden. Immerhin wehrte sich bereits Johann Gottfried Herder dagegen. Die Wertungen führten zu „Rassismus“: einmal zu den bekannten politischen Ideologien, Konzepten von Apartheid und Unterdrückung, letztlich zum Holocaust, aber auch zu einem Alltagsrassismus, täglich abzulesen nicht nur an Gewalttaten, sondern ebenso an Benachteiligungen z.B. bei Suche von Wohnung und Arbeitsplatz.

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NIPT, Gentest in der Frühschwangerschaft

Vorgeburtliche Untersuchungen. Blicken Sie noch durch? Allein schon durch die Abkürzungen! PID, PND, NIPD. Ganz kurz: PID (Präimplantationsdiagnostik) bezeichnet Diagnostik an Embryonen, die durch extrakorporale Befruchtung erzeugt wurden, z.B. durch IVF (in vitro Fertilisation, „Befruchtung im Reagenzglas“). PND ( Pränataldiagostik) umfasst alle Verfahren der vorgeburtlichen Diagnostik, wozu invasive (in den Körper der Schwangeren eingreifende, z.B. die Fruchtwasseruntersuchung) und nichtinvasive (NIPD) gehören.

Diese NIPD erscheint in letzter Zeit häufig in Schlagzeilen, weil es außer den klassischen nichtinvasiven  Verfahren (z.B. Ultraschalluntersuchung) jetzt  die NIPT gibt: Blut-Tests, welche von der Industrie beworben, von Ärzten eingesetzt, im Internet von Schwangeren bestellt werden. Demnächst sollen sie Kassenleistung werden.

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Organspende – Entscheidung oder Widerspruch?

Wer von uns würde sich einem Hilfeschrei verweigern? In Deutschland spendet man doch freudig für gute Zwecke! Bei der Organspende aber gibt es  große Probleme. Nie waren die Spenderzahlen niedriger als 2017. Der Bundesgesundheitsminister will diese Probleme lösen. Mit Recht hat er konstatiert, dass uns das „nicht gleichgültig“ ist und sein dürfe, wenn „10.000 Menschen hoffen und warten und die Chance da wäre, Leben zu retten.“ Er hat, um dieses Ziel zu erreichen, die sogenannte Widerspruchslösung ins Auge gefasst. In Europa steigt die Zahl der Länder, die diese Lösung gesetzlich verankert hat. In Deutschland gilt dagegen die „Entscheidungslösung“, eine besondere Form der „Zustimmungslösung“, wonach nur Derjenige Organspender ist, der zu Lebzeiten ausdrücklich einer Organentnahme zugestimmt hat, und zwar nach ausreichender Information. Deshalb bekommen alle Krankenversicherten Informationsmaterial  und einen Organspendeausweis zugeschickt, auf dem sie wahlweise JA zur Entnahme verschiedener Organe oder NEIN ankreuzen können. Nur wenn gar keine Entscheidung vorliegt, können auch Angehörige befragt werden, um den mutmaßlichen Patientenwillen zu ermitteln.  …mehr lesen