Natürlich=gut, künstlich=schlecht?

Zwei Nachrichten gab es in den letzten Tagen, die viele Menschen stark verunsichert haben, betreffen sie doch unsere Gesundheit: „Staatsanwaltschaft ermittelt in einem Todesfall mit Iberogast“ und „Produkt-Rückruf: Todesgefahr durch Blausäure in einem Gewürz“. Im ersten Fall geht es um Schöllkraut, seit langem bekannt in der Pflanzenheilkunde zur Linderung bei Magen-Darmbeschwerden, im zweiten um Aprikosenkerne, die einem Himalayasalz zugefügt wurden. Auf den ersten Blick sind die Fälle nicht vergleichbar: im ersten handelt es sich um ein zugelassenes pflanzliches Arzneimittel, im zweiten um ein Nahrungsmittel, welches verändert wurde. Dennoch gibt es viele Gemeinsamkeiten, die letztlich die alte Frage berühren, ob etwas ein Heilmittel oder ein Gift ist.

Medikament oder Gift?

„Jedes Ding auf der Welt trägt Heil und Verderben in sich, daher macht es nur die Dosis, ob es zum Gift wird“, stellte der berühmte Arzt Paracelsus Anfang des 16. Jahrhunderts fest. Dass „giftig“ keine Eigenschaft einer bestimmten Substanz ist, sondern dass jede Substanz, je nach Dosierung, zum Gift werden kann, war eine bahnbrechende Erkenntnis. Bei den aktuellen Fällen könnte man zunächst davon ausgehen, dass die Käufer von Iberogast einen wichtigen Grund hatten, nämlich Magen-Darm-Beschwerden, während es bei den Käufern des veränderten Himalayasalzes nur um eine Geschmacksnuance ging. Aber Vorsicht: eine Stellungnahme des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz sagt: „Die Nachfrage nach Bitteren Aprikosenkernen ist gestiegen, seit in verschiedenen Medien der Verzehr als alternativmedizinische Maßnahme zur Krebsbehandlung empfohlen wurde. Diese Empfehlungen zielen auf nicht wissenschaftlich anerkannte, therapeutische Wirkungen ab und lassen die für ein Lebensmittel anzuwendenden Sicherheitsaspekte in gefährlicher Weise außer Acht“.

Verantwortung und Schuld

Es fällt schwer, hier nur Einen verantwortlich zu machen, zu Viele sind beteiligt an solchen Fällen. Der Hersteller, der natürlich am Ende die Konsequenzen tragen muss. Das Marketing, welches durch „Natur“- und „Bio“- Zusätze im Namen Unschädlichkeit suggeriert, obschon keinerlei Zertitifzierung der Begriffe vorliegt. Die immer personalisiertere Werbung, die mit Absicht falsche Assoziationen weckt. Bestimmte Medien, die dem bequemen Käufer Unhaltbares vorspiegeln. Der Verbraucher, der überzeugt ist, dass „natürlich“ = gut und „künstlich = schlecht ist; der sich nicht weiter informiert, weil er entweder mediengläubig ist oder, im Falle des Krebskranken, einfach verzweifelt und deshalb gern nach jedem Strohhalm greift. Und, ja, auch die Wissenschaftler selbst, die schon vor den Journalisten dafür sorgen sollten, dass Pressemitteilungen über ihre neuen Ergebnisse klar und frei von Übertreibungen sind, weil sonst  Journalisten bei dem sowieso schon schwierigen Versuch, wissenschaftliche Inhalte allgemeinverständlich darzustellen, oft soviel verkürzen, dass die Wahrheit auf der Strecke bleibt. Die Folge sind immer wieder vollmundige Schlagzeilen im Sinne von „Neues Medikament besiegt Krebs“, die letztlich auch das Vertrauen in die Medizin untergraben. http://www.imabe.org/index.php?id=2631 

„Natürlich“ heißt nicht „harmlos“

Menschen wollen immer mehr „natürliche“ „chemiefreie“ Produkte und übersehen dabei, dass alles chemisch zusammengesetzt ist. Das wichtige Herzmedikament Digitalis wird aus der Pflanze Fingerhut gewonnen, Penicillin aus Schimmelpilzen. Unser Fortschritt besteht gerade darin, dass wir die wirksame Substanz isolieren können, ihre Konzentration kennen und die geeignete Dosis genau bestimmen können. Mehr davon hat dann Giftwirkung. Es ist also nicht anzuraten, als Herzkranker Fingerhut zu pflücken und zu verzehren – obschon Fingerhut, genauso wie Schimmelpilz, etwas „Natürliches“ ist. Vielleicht kommen wir der Wahrheit näher, wenn wir als „natürlich“ nur etwas betrachten, was ohne Menscheneinwirkung existiert. Harmlos ist es dann trotzdem nicht. Für die Zulassung der wirksamen rezeptpflichtigen Medikamente gibt es strenge Regeln, aber auch die Pflanzenheilmittel unterliegen gewissen Zulassungsverfahren und es gibt Dosierungsvorschriften. Die Gefahr, dass diese überschritten werden, ist allerdings hier größer, weil der Anwender eben „natürlich“ mit „unschädlich“ verwechselt. Alles was Wirkung hat, hat auch Nebenwirkungen! Wirklich wirksame „sanfte“ Pflanzenmedikamente gehören also ebenso wie die von den Patienten gern so benannten „Chemiekeulen“ in die Hand des Arztes und die Dosierungen sind ebenso streng zu beachten; zumindest müssen alle frei verkäuflichen Präparate zur Selbstmedikation dem Arzt mitgeteilt werden, denn die Wechselwirkungen können sehr bedeutsam sein, zum Beispiel bei Patienten, die Blutverdünner einnehmen müssen.

Nahrungsmittel als Medikament

Ein gutes Beispiel ist der Rote Reis. Weil ihm cholesterinsenkende Wirkung nachgesagt wurde, nahmen ihn Patienten mit erhöhtem Cholesterin in ihren Speiseplan auf. Als Fälle mit teilweise schweren Nebenwirkungen bekannt wurden, analysierte man dieses Lebensmittel eingehender. Das Ergebnis: Roter Reis senkt deshalb das Cholesterin, weil in ihm eine Substanz enthalten ist, die den Statinen, den Medikamenten zur Senkung des Cholesterins, unmittelbar verwandt ist. Die Wirkung ist also real, aber die Dosis nicht abzuschätzen, und wenn ein Patient gar den Reis zusätzlich zu seinen Medikamenten verzehrt,  gibt es stärkere Nebenwirkungen, weil die Gesamtdosis überschritten wird.

Kontrollen und Selbstkontrollen

Was kann helfen, sich in diesem Dschungel zu bewegen? Ich meine, nur mehr Information aus guten Quellen. Diese gibt es heute, für Journalisten und Interessierte http://www.medien-doktor.de/gesundheit/ ebenso wie für jeden Verbraucher: auf der site der renommierten Cochrane – Stiftung findet man nicht nur verlässliche Gesundheitsinformationen ohne kommerzielle Einflüsse, sondern auch Hinweise auf weitere Informationsmöglichkeiten: https://www.cochrane.de/de/patienteninformationen. Wir alle sind mögliche Patienten und sollten unsere Denkfaulheit überwinden, die uns heilsversprechende Werbung einfach glauben lässt. Der eigene Wissensstand kann für den Patienten von heute, der alles allein entscheiden muss, lebenswichtig sein. Wenn dann noch Fragen übrig bleiben, hilft nur „alte“ Medizin: ein guter Hausarzt, mit dem wir vertrauensvoll sprechen können.

 

Literaturtipps:

  1. Smollich,Martin, J.Podlogar: Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln und Lebensmitteln
  2. Geisslinger Gerd, S, Menzel: Wenn Arzneimittel wechselwirken
  3. Heath Robert: Seducing the subconscious
  4. Lindstrom MArtin: Buy.ology. Warum wir kaufen was wir kaufen
  5. Müller-Jahncke,Wolf-Dieter, K.Pfister: Wer nicht wirbt, der stirbt
  6. Lustig Robert H.: Brainwashed. Wie die Lebensmittelindustrie unser Glücksempfinden verändert

Ferner: http://www.medien-doktor.de/gesundheit/

 

 

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