Tier oder Labor? Woher kommt das Corona – Virus?

Pandemie? Man kommt mit dem Lesen kaum noch nach. In einer Zeit, in der sich außer Virus – Mutationen zu viele „Fake News“ und Verschwörungstheorien exponentiell verbreiten, ging eine wichtige Veröffentlichung in der New York Times vielleicht etwas unter: ein Aufruf von Forschern, die weitere „unbehinderte und internationale“ Untersuchungen fordern, um die Herkunft des Coronavirus Sars- Cov- 2 zu klären, weil es da nicht nur um die jetzt herrschende Pandemie, sondern um mögliche zukünftige ginge.

Was war geschehen?

Bei der Frage nach dem Ursprung des Sars – Cov2 – Virus hatten von Anfang an zwei Erklärungen im Raum gestanden:  die „Tierhypothese“, – Verbreitung über Tiere des chinesischen Marktes – und die „Laborhypothese“, –  Verbreitung aus einem Forschungslabor; Forschergeist stand dahinter, aber auch das allgemeine Bedürfnis, Ursachen, wenn nicht sogar Schuldige für die weltweit sich ausbreitende Krankheit zu finden, deren Erreger vom ehemaligen US – Präsidenten Trump konsequent als “ China – Virus“ bezeichnet wurde. Anfang 2021 machte sich eine Delegation der WHO nach Wuhan auf, um endlich vor Ort eine Untersuchung durchzuführen.

Eine Untersuchung ohne Antworten

Am Ende stand zunächst eine Abschlusserklärung, in der keine gezielten Fragen aufgeworfen wurden, aber die „Tierhypothese“  (genauer: Übertragung durch Fledermäuse und einen Zwischenwirt)  zur „wahrscheinlichsten“ erklärt wurde. Naturgemäß kamen die Fragen kurz danach. Mit dem Ergebnis, dass der Leiter der WHO erklärte, dass „alle Hypothesen weiter bestehen und weitere Analysen erfordern.“ Um das komplizierte Thema auf einen Punkt zu bringen: es geht zunächst um Rohdaten, die der Delegation von chinesischer Seite aus nicht zur Verfügung gestellt wurden, z.B. Krankengeschichten von Zehntausenden von Fällen mit Lungenentzündung, grippalen Symptomen und Fieber von Oktober bis Dezember 2019, wo es sich schon um Covid – 19 – Fälle gehandelt haben könnte.

Die Hamburg – Kontroverse

Ebenfalls im Februar erscheint hier in Deutschland auf einer Plattform ein Pre-Print des Physikers Roland Wiesendanger, der monatelang Indizien gesammelt hatte, die für einen Laborunfall in Wuhan sprachen. Da diese Sammlung eben keine „Studie“ war und außerdem noch gar nicht von wissenschaftlicher Seite aus begutachtet, zudem verschiedene nicht wissenschaftlich seriöse  Quellen erwähnte, war die Veröffentlichung von Anfang an „umstritten“, ein höfliches Wort für Anfeindungen, die den Autor in die Nähe von Verschwörungstheoretikern rückten. Später folgte dann eine Antwort des Universitätspräsidenten: alle berechtigte Kritik ändere nichts daran, dass die Nachforschungen des Autors grundsätzlich richtig seien.

Der Stand der Dinge ist also der wie am Anfang: es gibt unbewiesene Hypothesen.

Der ganz wesentliche Punkt dabei ist aber scheinbar noch nicht in der Öffentlichkeit richtig angekommen: es geht doch nicht nur um die (wissenschaftliche und allgemeine) Neugier, wo etwas herkommt und wie etwas entsteht, sondern um eine Kernfrage: könnten wir mit unseren Laborversuchen ein solches pandemisches Virus selbst erzeugt haben? Somit „schuld“ an der jetzigen Pandemie sein? Und an vielen möglichen zukünftigen, die  jederzeit von einem Labor aus freigesetzt werden könnten?

„Gain of function“ (GoF)

Der Begriff fasst alle schon jahrelang bestehenden Forschungen an Viren zusammen, die diesen neue Funktionen verleihen. Die Forschung fällt unter den DURC (Dual Use Research of Concern): sie wird eigentlich zum Wohl der Menschheit durchgeführt, kann aber weitgehend missbraucht werden. Die Begriffe „Killerviren“ und „Biowaffen“ stehen hier im Raum, damit die politische Dimension. Ferner sind Unfälle jeder Art nicht hundertprozentig auszuschließen. Mit dem Influenza – Virus wurde solche Forschung intensiv betrieben; sie führte zu zwei gegnerischen Lagern.

Die eine Seite argumentierte, dass eine bereits im Labor erreichte Veränderung des Virus als Bauanleitung für Terroristen benutzt werden könne, daher solle man zB. die Ergebnisse nicht veröffentlichen, eine im Grunde indiskutable Forderung für wissenschaftliche Arbeit. Die andere meinte, dass solche Veränderungen ja dauernd in der Natur stattfinden und dass mehr Forschung auf diesem Gebiet dazu helfen könne, zukünftige Pandemien zu vermeiden. In den USA gab es ein Moratorium, welches die Forschung aussetzte, anschließend aufgrund weiter ungeklärter Lage einen Beschluss des damaligen Präsidenten Obama 2014, der eine Pause zum Nachdenken mit einem „deliberative process regarding risks and beneftits“ anregte.

Risiken und Nutzen

Im Zuge dieses Prozesses erschien 2016 ein Weissbuch  für die GoF –  Entscheidungs – und Politikgestaltung. Hier wurden auf kürzestem Raum die ethisch relevanten Dimensionen dargestellt. An den Fragestellungen dürfte sich bis heute nicht viel geändert haben. Welche Voraussetzungen wären für eine ethisch akzeptable GoF – Forschung zu klären? Zu fragen wäre nach:

  •  Wichtigkeit: wie wichtig ist diese Forschung?
  •  Verhältnismäßigkeit: wieviel nützt sie in Bezug auf öffentliche Gesundheit?
  •  Risiko: kann keine andere weniger risikoreiche Forschung ein ähnlich erwünschtes Ergebnis bringen?
  •  Praktikabilität: sind alle Schritte, um die Risiken zu mindern, verhältnismäßig gut durchführbar?
  •  Gerechtigkeit: fällt gleiches Risiko auf alle? Wenn nicht, wieviel fällt auf die, die am wenigsten profitieren?
  •  Demokratischen Entscheidungen: wer trifft Entscheidungen für was und reflektieren diese die Werte unserer Gesellschaft?
  •  Akzeptanz: wie weit sind die Entscheidungen international akzeptiert und was ist nötig, dies zu verbessern?

Einengung freier Forschung?

In mehreren Beiträgen hat auch die Akademie der Wisssenschaften Leopoldina zwei wesentliche Punkte betont: die Notwendigkeit einer breiten gesellschaftlichen Debatte und die der internationalen Verständigung. Sie weist ferner auf wichtige begriffliche Probleme hin. Bei einer Nutzen – Risiko – Analyse müssen zwei Dinge definiert und voneinander getrennt werden: das Ergebnis (Nutzen oder Schaden) und die Wahrscheinlichkeit dieses Ergebnisses. Der Begriff „Risiko“ wird aber benutzt für „negatives Ergebnis“ ebenso wie für „Wahrscheinlichkeit eines negativen Ergebnisses“; dabei wird sozusagen suggeriert, dass negative Ergebnisse (=“Schaden“) unsicher, positive (=“Nutzen“) aber sicher seien.

Außerdem wurde mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein Gemeinsamer Ausschuss gegründet. Das Gremium ist seitdem auch beratend tätig und bemüht sich, einer breiteren Öffentlichkeit die Themen Wissenschaftsfreiheit und – Verantwortung  näherzubringen. Der Deutsche Ethikrat hatte sich schon 2014 mit der Frage  beschäftigt und war zu dem Schluss gekommen, dass mehr bewusstseinsbildende und verantwortungsfördernde Maßnahmen erforderlich seien, aber auch rechtliche Regelungen einer Risikovorsorge.

Bemühungen von Politik und Wissenschaft

Schließlich befand der Deutsche Bundestag, dass die Selbstregulierung durch die Wissenschaft weiterhin Grundlage sein solle; allerdings sei engmaschig zu beobachten, ob weitere Regelungen doch nötig seien. Das war 2016. Wir sind also weiter in der Beobachtungsphase. Außerdem: reichen da wirklich nationale Parlamente? Oder sind nicht vielmehr Debatten im EU-Parlament und in der UN jetzt dringend nötig?

Innerhalb der Wissenschaftler gibt es weiterhin zwei Gruppen mit entgegengesetzten Meinungen: die „Scientists for Science“ und die „Cambridge Working Group“.  Erstere halten die Forschung für sinnvoll und die Risiken für beherrschbar, fordern aber auch öffentlichen Diskurs. Letztere zweifeln den Nutzen der Experimente im Ganzen an und fordern Pausieren.

Büchse der Pandora oder Zauberlehrling?

In der antiken griechischen Mythologie hatte Gott Zeus der Pandora einen Behälter anvertraut, der keinesfalls geöffnet werde sollte. Aus Neugierde öffnete Pandora ihn aber, und heraus kamen alle Übel, die die Menschheit vorher nicht kannte: Laster, Krankheit und Tod. Aus der deutschen Dichtung kennen wir den „Zauberlehrling“ von Goethe, wo der übermütige und sich selbst überschätzende Lehrling die Geister, die er erfolgreich gerufen hatte, nicht mehr los wurde.

Wo stehen wir? Betreiben wir risikoreiche Forschung aus Neugierde ohne Bedenken der Folgen? Einfach weil wir es können? Aus Übermut? Und gibt es „den Meister“, der im „Zauberlehrling „das Problem lösen konnte, sind wirklich alle Risiken durch Professionalität und immer besseres Wissen und Können beim Aufbau von Experimenten und Bedingungen auf Null zu reduzieren? Es geht um eine einfach aussehende Frage: sind wir als Gesellschaft bereit, Hochrisikoforschung mit einem großen Gefahrenpotential für die gesamte Weltbevölkerung zu akzeptieren und wenn ja, zu welchen Bedingungen? Vielleicht löst der anfänglich zitierte Aufruf in der NYT ja jetzt diese überfällige Debatte aus, nachdem heute jedenfalls festgestellt werden kann, dass die bisher erfolgte Hochrisikoforschung zumindest das Ausbrechen dieser Corona – Pandemie nicht verhindern konnte!

Pandora soll die Büchse ja geschlossen haben, bevor auch noch die ebenfalls dort eingeschlossene Hoffnung entweichen konnte!

 

Literaturtipps:

J. W. von Goethe: Zauberlehrling

Hesiod: Pandora, deutsch

Hans Jonas: Leben, Wissenschaft, Verantwortung

Marcus C. Meyen: Forschung mit kritischer Biosecurity – Prognose

Herfried Münkler et al: Handeln unter Risiko

 

 

 

Dank für das Bild an Bianca van Dijk auf pixabay

 

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