Lebensqualität und Gesundheit

Würde ein Sechser im Lotto Ihre Lebensqualität erhöhen? Nicht unbedingt! Für Viele ist es ein schönes Gefühl, das zu denken: Freiheit hat etwas mit finanzieller Sicherheit zu tun. Was ist aber, wenn Sie zum Beispiel an chronischen Schmerzen leiden und nur einen Wunsch haben: der Schmerz möge weggehen! Wenn nur das allein Einfluss auf Ihre Lebensqualität haben könnte?

Millionen Wünsche

Bleiben wir bei den Zahlen eins bis sechs. Wenn Sie aus nur sechs Zahlen einen Code erstellen wollen und jede Zahl nur einmal verwendet werden darf, können Sie damit 720 Codes erzeugen. Nehmen wir nun die sechs Zahlen als menschliche Wünsche und sortieren sie in eine Reihenfolge der Wichtigkeit, die sie für einen Einzelnen haben, sodass der Code  seine Vorstellung von Lebensqualität abbildet. 720 verschiedene Möglichkeiten von menschlichem Wollen würden sich da ergeben. Aber sechs Zahlen würden ja nicht reichen! Fangen Sie mal an, aufzuzählen: Gesundheit, Freiheit, Sicherheit, Versorgung, Selbstbestimmung, Teilhabe, Berufliches Fortkommen, Arbeitsplatz, Lebensstandard, Zeit für Familie, Partnerschaft, Freunde, sind nur einige der Begriffe, die uns hier sofort einfallen, wenn wir darüber nachdenken. Es muss aber in viel mehr Einzelheiten gehen: was ist mir wichtiger für meine Lebensqualität? „Gesundheit“ beschreibt das nicht ausreichend. Aber z.B. „Lesen können oder laufen können“?

Lebensqualität (LQ) oder Glück?

Die Frage „Was ist Glück“ beschäftigt die Menschen seit der Antike. Für den griechischen Philosophen Aristoteles besteht Glück in einem sinnvollen, gelungenen Leben. Ich führe diesen Philosophen an, obschon es viele andere gut begründete Theorien gibt, weil ich finde, dass diese Auffassung unserer heutigen von „Lebensqualität“ am nächsten kommt; jedenfalls dann, wenn wir hinzufügen, dass jeder Einzelne selbst bestimmt, was „sinnvoll, gelungen“ ist. Der Begriff „LQ“ wurde 1920 zum ersten Mal verwendet, und zwar im Rahmen von Untersuchungen zur Auswirkung von Arbeitsbedingungen auf Menschen. In der Neuzeit ging es dann immer mehr um die Verbesserung von Lebensbedingungen, erst seit den 70er Jahren konzentriert man sich mehr auf das Erleben der Menschen, und heute gibt es eine Lebensqualitätsforschung mit vielen verschiedenen Teilgebieten.

Der gesundheitliche Aspekt

Spätetens seit die WHO ihre Gesundheitsdefinition stark erweiterte, (Gesundheit ist „ein Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit oder Gebrechen“) besteht ein Konzept mit vielen Dimensionen, die für das subjektive Wohlbefinden von Menschen eine Rolle spielen und beachtet werden müssen: körperliche, psychische, mentale, emotionale, soziale und auch spirituelle. Diese Erkenntnis führte in der Medizin zu einem Paradigmenwechsel: Notwendigkeit und Erfolge einer Maßnahme werden nicht mehr nur an „Befunden“, Daten und Zahlen gemessen, sondern auch an dem Patientenwillen. Einfacher gesagt: Lebensqualität spielt heute in der Medizin eine immer größere Rolle.

Messungen und Kriterien

Der „subjektivistische“ Ansatz sagt, dass nur jeder Einzelne seine LQ bestimmen kann. Allerdings gibt es auch den „objektivistischen“, der seine Berechtigung hat: Systeme müssen sich ja damit beschäftigen, die Rahmenbedingungen für eine Teilhabe zu schaffen. Dazu braucht man zunächst Studien, Daten, über die sogenannte Gesundheitsbezogene Lebensqualität (Health-Related Quality of Life, HRQoL) in einer Bevölkerung. Dann wird zum Beispiel versucht, eine durch eine Therapie mögliche Lebensverlängerung nicht in reiner „Lebenszeit“ sondern in „QALY“ (quality- adjusted life years) anzugeben. Dabei werden rechnerisch die zusätzlich gewonnenen Lebensjahre nicht voll angerechnet, wenn sie nicht mit einer hundertprozentigen Lebensqualität gelebt werden könnten. Wie wichtig der Gedanke (und wie problematisch die Umsetzung) ist, lässt sich an folgendem Beispiel zeigen: wenn man den Erfolg einer medizinischen Maßnahme nur über gewonnene Lebensjahre definiert, ist Schmerzlinderung keine erfolgreiche Therapie! Man stelle sich vor, was es heißt, wenn solche Berechnungen Grundlage für politische Entscheidungen wären, die z.B. die Versorgung der Bevölkerung im Versicherungssystem regeln sollen.

Was wollen Gruppen?

Bei den Untersuchungen gibt es viele interessante Ergebnisse, z.B. dass Nichterwerbstätige am häufigsten über mittlere bis schlechte Gesundheit berichten. Oder dass die Kombination von Partnerschaft, Elternschaft und Erwerbstätigkeit, gleich ob bei Frauen oder Männern, nicht mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen einhergeht. (Vorsicht allerdings mit Interpretationen: Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen gründen eventuell seltener eine Familie oder sind überhaupt erwebstätig.) Man kann jedenfalls sagen, dass gesundheitsbezogene Lebensqualität das subjektive Wohlbefinden in verschiedenen Lebensbereichen umfasst. Greifen wir den medizinischen Bereich heraus.

Lebenserwartung und Lebensqualität

In den letzten Jahren steigt die Lebenserwartung immer weiter. Steigt damit auch die Lebensqualität? Die Kernfrage ist: wer beurteilt das? Studien zeigen, dass Fremdeinschätzung immer schlechter ist als Selbsteinschätzung. So schätzen Ärzte/ Pflegeteams die Lebensqualität und damit auch die Behandlungserfolge bei Krankheiten meist geringer als die Patienten selbst ein. Aber auch die Befragung von Angehörigen und Freunden ist ein schwaches Instrument, wenn die Frage gestellt wird „Wie würden Sie denken, dass diese Person ihre LQ einschätzt“, noch schwächer bei der Frage „Wie schätzen SIE bei dieser Person die LQ ein?“ Das berichtete Prof. Halek von der Universität Witten Herdecke kürzlich bei der Jahrestagung der Akademie für Ethik in der Medizin, wo das Thema LQ aus vielen Perspektiven beleuchtet wurde. Bei ihrem Vortrag ging es um die schwierigste Frage: LQ bei Demenzkranken.

Die „mündigen Patienten“

Lebensqualität scheint etwas zutiefst Subjektives zu sein, und während die Gesundheitspolitik Kollektive einbeziehen muss, geht es im Ärzte – Patienten – Verhältnis immer um ein Individuum. Das heute gewünschte Modell der gemeinsamen Entscheidungsfindung von Ärzten und Patienten über ein Vorgehen bei der Behandlung setzt den „mündigen Patienten“ voraus, der nicht nur über die medizinischen Gegebenheiten informiert ist, sondern sich vor allem selbst über seine Wünsche und sein Wollen klar ist. Das schöne Wort „Teilhabe“ umschreibt etwas Wichtiges: jeder Mensch sollte teilhaben können an allem, was wichtig ist. Wie aber ist die Reihenfolge aller Wichtigkeiten? Das kann er/sie nur ganz allein entscheiden. Oder, wenn Selbstbestimmung nicht möglich ist, eine bevollmächtigte Vertrauensperson.

Selbstbestimmung

In Zeiten der Pandemie hat die Diskussion um Selbstbestimmung einen besonders hohen Stellenwert. Bei den schwierigen Fragen um Priorisierung im Katastrophenfalle und Triage in der Medizin geht es aber genau darum: bekomme ich als Individuum meinen Willen, oder werde ich Entscheidungen unterworfen, die Andere treffen aufgrund von Daten, die für alle gelten sollen? Gerade in dieser Zeit unseres Lebens mit Covid-19, dessen Dauer noch nicht abzusehen ist, muss sich jeder über seine eigenen Wünsche klar werden, wenn er nicht fremdbestimmt werden will. Das Erstellen einer Vorsorgevollmacht für Gesundheitsangelegenheiten sollte deshalb jeder möglichst bald vornehmen. Dazu müssen wir uns diese Fragen stellen:

1. Habe ich Personen meines absoluten Vertrauens? Dann muss ich sie benennen und mit ihnen sprechen.

2. Wer bin ich, was will ich wirklich für mich? Wie will ich leben und wie auf keinen Fall?

Das alles gilt noch mehr für eine Patientenverfügung.

Ein persönlicher „LQ-Code“

Der Prozess des Nachdenkens über uns selbst ist also das Wichtigste, das Ausfüllen eines Formulars am Ende nur noch praktisch hilfreich. Nach der Entwicklung der hochtechnisierten Medizin muss sich jeder mit der Frage auseinandersetzen, ob das heute mögliche Erhalten aller körperlichen Funktionen für ihn als Person etwas „Gutes“ bedeutet oder nur eine Verlängerung von Leid. Das erfordert Selbsterkenntnis und gute medizinische Information.  Dass wir immer auch kulturellen Einflüssen unterworfen sind, ist interessant zu sehen: in Japan entscheiden sich in einer bestimmten Situation etwa 30% gegen eine Invasive Beatmung, hier 5%. Im Grunde müssen wir aber alle unsere eigene Prioritätenliste erstellen. Machen Sie einen Versuch! Alles notieren, was Ihnen für Ihr persönliches Glück wichtig erscheint, alles, was für Sie Lebensqualität bedeutet. Und bringen Sie dies dann in eine Reihenfolge. Das Ergebnis ist Ihr persönlicher Code, der Ihre Lebensqualität abbildet.

Literaturtipps:

Laszlo Kovacs et al (Hrsg): Lebensqualität in der Medizin

Michael Coors et al(Hrsg): Lebensqualität im Alter

Iris J. Schneider: Herausforderung Ruhestand

Romana Winkler: Lebensqualität pflegebedürftiger älterer Menschen

Dank an anncapictures für Foto

2 Antworten zu “Lebensqualität und Gesundheit”

  1. Marion Dehne sagt:

    Liebe Ute,

    danke für den hervorragenden Artikel. Schön, dass Du Dir so viel Mühe machst und dem Leser viele praktische Tipps mit auf den Weg gibst.

    Liebe Grüße
    Marion

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