Roboter mit Gefühlen?

Der Fortschritt scheint riesig. Schon mehr als hundert Emotionen lernen Roboter inzwischen, lesen wir. Das ist einfach falsch. Roboter lernen keine Gefühle, sie lernen, wie man Gefühle ausdrückt. Systeme zur Emotionserkennung sind keine fühlenden Systeme. Roboter sind auch keine Personen und haben genau aus diesem Grunde keine rechtliche Verantwortung für ihre Handlungen.

Assistenzroboter und Emotionsroboter?

Assistenzroboter können Handlungen unterstützen, zum Beispiel Logistik, Bewegung, oder Selbständigkeit. Emotionsroboter sollen mit Menschen interagieren. Da hier der soziale Aspekt ganz wichtig ist, nennt man sie auch Compagnon Roboter. Dabei gibt es keine strenge Trennlinie. In Situationen wie der Pflege werden an verschiedenen Stellen verschiedene Fähigkeiten mehr oder weniger benötigt.

Wozu braucht man Emotionserkennung?

Roboter lernen durch nachahmen. Ein Negativbeispiel, an das man sich erinnert: Chatboy TAY war unterwegs auf sozialen Netzwerken und lernte dort Verhalten. Im Ergebnis wurde er Nazi. Wir drücken uns nicht nur durch Sprache aus, sondern auch durch Gesten und Mimik. So kann ein System lesen lernen, was der Trainer sprachlos ausdrückt. Damit lernt es den Ausdruck von Gefühlen. Das kann sehr nützlich sein, derartige Systeme können z.B. Autisten helfen, den Alltag besser zu meistern.

Roboter in der Pflege

Der Pflegenotstand ist Tatsache. Und er wird  zunehmen. Assistenz – Roboter erfüllen dort schon heute wichtige Funktionen: sie entlasten bei schweren Arbeiten wie Heben, können Verteilen von Nahrungsmitteln und Medikamenten übernehmen und auch den Notdienst alarmieren. Sie führen vielleicht zu mehr Gerechtigkeit, da Versorgung durch Menschen auch immer durch Sympathie beeinflusst wird. Sie stellen keine besonderen Ansprüche und können gleich zu welchen Uhrzeiten eingesetzt werden. Umfragen zeigen, dass in Deutschland jeder Zweite inzwischen Pflege durch einen Roboter bejahen würde. Dabei gibt es aber interessante Unterschiede.

Was wollen die Patienten?

Eine Studie führte 2019 zu Ergebnissen, die von den Untersuchern nicht erwartet waren: die meisten bejahten Assistenz beim Toilettengang, danach bei Blutabnahmen und Medikamentengaben, weniger bei Waschen und Umbetten. Für hygienische und auch medizinische Anforderungen wird also der Roboter akzeptiert, während bei den wirklich pflegerischen (wir erinnern an das schöne Wort „Care“ in der Pflege) Menschen vorgezogen werden. An letzter Stelle stand die Akzeptanz bei „Alltagsgesprächen“.

Auch wenn diese Studie nicht repräsentativ ist, wirft sie ein interessantes Licht auf unsere Wirklichkeit: haben wir, Ärzt/Innen und Pflegende, vielleicht eine andere Wahrnehmung als die Patienten und Hilfebedürftigen? Geben wir diese unsere Wahrnehmung dann an die Ingenieure weiter?

Humanoid? So „echt“ wie möglich?

Das führt direkt zurück zum Emotionsroboter. Am Anfang schien alles klar: was zwei Augen und einen Mund hatte, wurde als Gegenüber wahrgenommen. Dann kamen die Bemühungen, Roboter immer menschenähnlicher zu gestalten, humanoid, mit Haaren und Haut, der Möglichkeit, Gesichtsausdrücke zu verändern. Wieder ein ungeheurer technischer Fortschritt! Die Nutzer sehen das anders: Arbeiten des interdisziplinären Teams des Affective & Cognitive Institute (ACI) der Universität Offenburg zeigen, dass  sich viele Anwender von menschlich aussehenden Maschinen distanzieren. Je schwieriger von Menschen zu unterscheiden, umso größer Angst und Ablehnung. Der Kernsatz, formuliert von einem kleinen Jungen bei der Kinderuniversität: „Ich will immer sicher sein, ob ich mit einer Maschine oder einem Menschen rede“. Sind also Roboter im Stil von Cartoons, wie bisher in Filmen benutzt, die bessere Lösung für neues Design – oder Tiere?

Dann lieber Tier – Roboter?

Spiele mit virtuellen Tieren, die versorgt werden müssen, gibt es schon 25 Jahre. Tamagotchi wurde zum Kult – Spielzeug. Die Grenze zum nützlichen Tier- Roboter ist fließend. Der Sozialroboter Paro, einer Baby – Robbe nachempfunden, wird bei Therapie und Pflege seit 2009 eingesetzt. Er reagiert auf Streicheln mit Körperbewegungen und durch Öffnen und Schließen der Augen. Es gibt viele Neuenwicklungen, die immer lebensähnlichere Reaktionen zeigen. Vor kurzem stieß ich auf die Ankündigung einer Firma, die ihrem neuen Produkt „AI-Pet“ („Künstliche Intelligenz-Haustier“) dies zuschreibt: es habe „emotionale Fähigkeiten und entwickele seine eigene Persönlichkeit“. Spätestens an dieser Stelle ist es Zeit, sich grundsätzliche Fragen zu stellen –  stimmen hier Begriffe überhaupt noch? Gefühl? Persönlichkeit?

Die Grenze Mensch – Maschine

Bisher war es so: Roboter stellen seit dem Tag ihrer Realisierung den technischen Teil des Menschen dar, die „Maschine Mensch“, das Räderwerk“. Sie haben keine Empathie, sind hergestellt, um bestimmte Arbeiten zu verrichten. Sie erfüllen Aufgaben, schneller, präziser, produktiver als wir. Die Kunst war immer Vorreiter: der Name „robota“ stammt aus einem Theaterstück von Karel Capek (1921), wo ein Wissenschaftler in einer Fabrik derartige Replikanten in Serie produziert, damit Menschen nicht mehr arbeiten müssen. Schon 1927 beschäftigte man sich mehr mit dem Thema, als Fritz Langs Film „Metropolis“ klar machte, dass die eigentlichen Roboter ja die ausgebeuteten Fabrikarbeiter waren. Roboter als unsere Spiegelbilder ohne „Seele“. Wo wird die Grenze überschritten? Ein halbes Jahrhundert später zeigte eine KI in Stanley Kubricks Film „Odyssee im Weltraum“ Zeichen von Wahnsinn und damit menschliche Züge. Sind wir jetzt dabei, begrifflich und technisch, die Grenze endgültig fallen zu lassen?

Beziehungen zu Maschinen?

Solange Roboter Gebrauchsapparate sind, entsteht also kein zusätzliches Problem. Aber Menschen entwickeln Beziehungen und Gefühle, und je ähnlicher ihnen ein Gegenüber wird, um so eher und leichter. „Affective computing“ ist der neue Begriff rund um gefühlssensible Technologie. Der Bedarf an Sexrobotern soll steigen. Eine rein körperliche Beziehung, in jedem Fall aber eine einseitige. Die Folgen, die es hat, wenn Maschinen mit menschlichen Verhaltensweisen ausgestattet werden, sind uns größtenteils noch unbekannt. Dabei muss es sich nicht einmal um optische Ähnlichkeit handeln. Schon 2013 führte der Film „HER“ eindrucksvoll vor, wie eine Stimme ausreicht, um sich in eine Software zu verlieben. Einseitig, natürlich. Bei Servicerobotern im technischen Bereich ist uns das leicht eingängig: die Rollen müssen klar sein, der Roboter darf das Team nicht führen.

Die besondere Pflegesituation

Im Pflegebereich  wird es komplizierter. Pflegebedürftige sind immer in einer Abhängigkeitssituation. Während der Assistenzroboter ohne weiteres angenommen wird, wenn er die auch vorhandenen Pflegenden ergänzt, ist das bei Compagnon Robotern anders; wenn man z.B. akzeptiert, dass ein Roboter (wie Pepper) kurzfristige Unterhaltung mit Ratespielen oder Liedern in einer Gruppe übernimmt, dann ist die Situation bei einem einzelnen Menschen, der einen Tier – Roboter als plüschiges Kuscheltier im Arm hat, völlig anders. Die  Unterhaltung durch Pepper kann sogar Gemeinschaftserleben in der Gruppe fördern. Beim einzelnen Menschen mit Compagnon Roboter werden dagegen Gefühle ausgelöst, die nicht erwidert werden können. Zusätzlich liegt es immer am Menschen, wie er die Situation erlebt – empfindet er z.B. die Geräusche des technischen Plüschtieres als „süß“ oder einfach als nervtötend und wann tut er das?

Wie frei ist man in der Demenz?

Besonders schwierig wird es bei Dementen. Während andere Patienten den Abstand besitzen und wissen, dass es sich hier um Technik handelt, wird über Demente verfügt. Tut es den Patienten gut? Was erleben sie? Und vor allem: sie erleben nicht immer gleich. Im Grunde betrügen wir sie. Dürfen wir das?  Ganz abgesehen davon, dass es auch Studien gibt, die behaupten, der Einsatz von Kuscheltieren erfülle den gleichen Zweck wie der von zoomorphen Robotern! Tiergestützte Therapie hat unbestrittene Erfolge. Das Kätzchen auf dem Bild hier ist echt. Die Beziehung, die sich aufbaut, ist nicht einseitig.

Heute und morgen

So zurück Deutschland im internationalen Vergleich mit der Digitalisierung ist: dem Roboter – Verband International Federation of Robotics (IFR) zufolge hat es den fünftgrößten Robotermarkt weltweit und steht in Europa sogar derzeit auf Platz eins. Es wird weiterentwickelt,  glücklicherweise werden dabei immer mehr die MRI ( Mensch – Roboter – Interaktionen) in den Focus genommen.  Die neuen interdisziplinären Teams sind dabei das richtige Konzept. Wir wissen heute, dass es Folgen hat, wenn man Maschinen mit menschlichen Verhaltensweisen ausstattet. Für Medizin und Pflege heißt das: Einsatz von Robotern darf nicht „als Vorwand für den Abbau von menschlichem Kontakt dienen“, wie der Deutsche Ethikrat formulierte. Sonst wissen wir immer noch zu wenig.

Politik und Gesellschaft

Neben der dringend benötigten weiteren Forschung ist aber eine Weichenstellung wichtig: wollen wir den Pflegenotstand durch mehr Technik oder mehr Pflegefachpersonal verbessern? Das Framing „Roboter als Lösung des Pflegenotstandes“ ist eine politische, keine technische Entscheidung. Technik ist nicht gut oder schlecht, sie kann einfacher oder fortgeschrittener sein. Wir sind diejenigen, die sie einsetzen. Wollen wir, dass Roboter, die ja keine realen sozialen Akteure sind, reale menschliche Interaktionen reduzieren? Wir als Gesellschaft müssen beantworten: Geht es uns darum, zu tun, was wir technisch können oder was für Menschen gut ist? Und vor allem: Wie weit ist es gut für uns, Wirkliches und künstlich Erzeugtes bewusst immer weiter verschwimmen zu lassen? Ist nicht vielmehr dies – wie halten wir Fiktion und Realität auseinander? –  gerade zur Kernfrage unserer Zeit geworden?

 

Literaturtipp:

Ludwig Binder: Pflegeroboter als Zukunft im Gesundheitswesen

Hergesell Jannis et al (Hrsg): Genese und Folgen der Pflegerobotik

Oliver Korn ( Hrsg) : Social Robots

Nicole Kaczmar:  Pflegeroboter in der Altenpflege

I was a robot. Katalog des Museums Folkwang Essen über die gleichnamige Ausstellung 2020

 

 

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