Umweltethik. Mensch und Verantwortung

Ein schönes Bild! Der Mensch als Baumkrone, ganz oben, das höchste Wesen, und unter ihm alle Verzweigungen, die ganze Natur. Ein eindrucksvolles, ein beliebtes Bild – aber es stimmt nicht. Es dürfte nicht die letzte der Kränkungen sein, die der Mensch erleiden musste! Nach der von Kopernikus, dass sich nicht das Weltall um seine Erde dreht, dieser von Darwin, dass es eine Evolution gibt, schließlich der von Freud, die ihm den Titel „Herr im eigenen Haus“ fortnahm, steht jetzt die Künstliche Intelligenz vor seiner Tür. Sicher muss man nicht die einseitige Wahrnehmung des ( Arztes!) Gottfried Benn haben, der in der Strophe  „Die Krone der Schöpfung“ seines Gedichts „Der Arzt“ gar nichts mehr übrig lässt von dem Menschen  als (auch) „höheres“ Wesen, aber einem Satz zumindest aus diesem Gedicht dürften sich Menschen heute oft nahe fühlen: „Meint Ihr, um solch Geknolle wuchs die Erde von Sonne bis zum Mond?“

Krone der Schöpfung? Der abhängige Mensch

Nein, das meinen wir heute nicht mehr. Unser Kenntnisreichtum nimmt ja zu – jeden Tag, von der Molekularbiologie bis zur Astrophysik, von den  kleinsten bis zu den größten Welten. Beschränken wir uns einmal auf den Menschen selbst. Was braucht er unbedingt zum Leben, für seine eigene Existenz?  Luft, Wasser und Nahrung. Das ist allen klar. Stellen wir jetzt aktuelle Daten zusammen: Luftverschmutzung ist  verantwortlich für 6,5 Millionen Todesfälle weltweit (2015),* der zweite Faktor ist Wasserverschmutzung. Und nach Angaben des WFP hungern 815 Millionen Menschen auf der Welt.  **  Kenntnisse sind da. Was tut der Mensch? Er schadet  sich selbst weiter, handelt also gegen besseres Wissen. Heute spürt er nicht mehr nur, er weiß, dass er als Teil der Umwelt existiert und wie durchlässig  die Grenze zwischen seinem Körper und dieser Umwelt ist. Ist Weiterfragen hier nicht Verpflichtung? Gibt es keine Verantwortlichkeit von Einzelnen und ganzen Systemen? Ist es nur moralisches Versagen eines einzelnen Managers, wenn in einem hochtechnisierten Land der „Abgasskandal“ „passieren“  kann? Reicht es, nur an die Verbraucher zu appellieren, wenn in Deutschland  pro Jahr 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden, von denen mindestens  die Hälfte  noch gut genießbar ist? ***

Erhalten der Umwelt, Erhalten von Leben

Gedanken zu einem sittlich guten und normativ richtigen Umgang mit der Natur gibt es seit langem. Verschiedene Positionen stellen entweder die Interessen des Menschen in den Vordergrund, (Natur erhalten um des Menschen willen, Anthropozentrismus) oder die der Natur selbst (Erhaltung der Natur um ihrer selbst  willen, Physiozentrismus), wobei es sich dann bei „Natur“ entweder um alle Wesen, die leiden können, handelt, (Pathozentrismus) um alles Lebendige überhaupt (Biozentrismus) oder um die gesamte belebte und unbelebte Natur (Holismus). Die „grenzenlose“ Verantwortung des Menschen gegenüber jedem anderen Leben, die Albert Schweitzer (Philosoph, Theologe und Arzt) als Vertreter des Biozentrismus fordert, hat allerdings selbst ihre Grenzen: so würde wohl niemand von uns  Antibiotika im Falle einer bedrohlichen Infektionskrankheit deshalb ablehnen, weil Bakterien dabei getötet werden. Diesen Widerspruch hatte Schweitzer auch selbst erkannt. Als Grundhaltung (so viel Leben schonen wie möglich) aber ist sie einhaltbar.

Verantwortung für alles jetzt und in Zukunft

Eine Verantwortung für alles auf der Erde forderte und begründete der Philosoph Hans Jonas. Sein „ökologischer“ oder besser „verantwortungsethischer“ Imperativ, angelehnt an den „kategorischen“ von Kant, lautet: „Handle stets so, dass die Wirkungen Deiner Handlungen vereinbar sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf der Erde“. Dauerhaft soll das echte menschliche Leben sein, das entspricht unserem in den letzten Jahren gern benutzten Wort „Nachhaltigkeit“ und meint also die Zukunft der Menschheit, die Verantwortung auch den Nachkommen gegenüber. Schon 1979 schreibt Jonas von Möglichkeiten, wie das zur erreichen sei: durch Vorsicht und Selbstbeschränkung. Es lohnt sich also, manchmal „alte“ Philosophen zu lesen, sie könnten sich als sehr modern erweisen!  Vorsicht vor uferlosem, durch nichts begrenztem rein technischem  Fortschritt, wie zum Beispiel heute bei Genmanipulationen; Selbstbeschränkung als letztlich einzig mögliches Rezept gegen die Ausbeutung und Veränderung  der Natur, die uns Lebensraum und Lebensnotwendigkeit ist, und die wir nicht (mehr) nur als Rohstofflager wahrnehmen oder in ihrer Wichtigkeit für unsere Existenz  einfach übersehen dürfen.

Zauberlehrling? Geister stoppen, die wir riefen

Das Kenntnisse sind da, auch das Bewusstsein wächst langsam, dass wir die Geister, die wir riefen, nun nicht einfach loswerden. Leider stehen uns nicht mehr, wie in Goethes Gedicht „Der Zauberlehrling“, höhere Mächte zur Verfügung, die wir anrufen könnten.  Wir sind schon selbst gefragt. Den bedrohlich ansteigenden Co2-ausstoß endlich messbar vermindern, das kann der Einzelne wohl nicht, die Politik muss handeln; aber viele Einzelne können kleine Beiträge dazu leisten und Druck auf die Politik ausüben. Wie steht es damit? Man sehe sich einmal die Themen der Fernseh – Talkshows ( mit bis zu 4 Millionen Zuschauern) in den letzten Monaten an: das Thema Klimawandel taucht da kaum auf. Haben wir wirklich nur so wenig Interesse?

*http://www.thelancet.com/commissions/pollution-and-health

**  de.wfp.org

***http://www.wwf.de/themen-projekte/landwirtschaft/ernaehrung-konsum/das-grosse-wegschmeissen/

http://www.joergalbrecht.de/es/deutschedichter.de/werk.asp?ID=455

http://www.textlog.de/18471.html

 

Literaturtipp:

Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung,

Hans Jonas: Technik, Medizin und Ethik,

Albert Schweitzer: Die Ehrfurcht vor dem Leben

Kommentar verfassen

*