Inhalte: Epigenetik

Der Orang Utan, Phytotherapie und Selbstmedikation

Die Nachricht ging um die Welt: Rakus, ein Orang-Utan in Sumatra, behandelte seine Wunde erfolgreich mit  der Pflanze Akar Kuning, die bekannt für ihre antientzündlichen Wirkungen ist und in der traditionellen asiatischen Medizin zur Wundheilung und gegen Schmerzen und Fieber eingesetzt wird. Zum ersten Mal wurde diese Selbstmedikation direkt beobachtet und die Wundheilung fotografisch dokumentiert. Die Forscher berichteten, dass die offensichtlich schwere Wunde innerhalb von Tagen komplett verheilte. Phytotherapie als Selbstmedikation bei einem Affen!

Zoopharmakognosie – Tiere wenden Naturheilkunde an

Dass Tiere Selbstmedikation betreiben ist nichts Neues. Schimpansen behandeln mit Pflanzen Wurmbefall und Durchfälle, auch Bonobos und Gorillas setzen Heilpflanzen medizinisch ein. Vögel legen ihre Nestern mit Pflanzen aus, die gegen Insekten schützen und die auch von Menschen beispielsweise gegen Juckreiz benutzt werden. Untersuchung der eingesetzten Pflanzen ergab wirksame chemische Substanzen. Interessant im Fall des Orang-Utans ist auch die Vorgehensweise: Der Affe zerkaute die Blätter, aber schluckte sie nicht; er stellte sozusagen eine Lotion her, die er dann auftrug, wobei er auch noch den Bezirk mit den  Blättern zudeckte. Die Forscher beobachteten auch, dass der Affe ihn dieser Zeit seine Ruhezeiten stark verlängerte.

Uraltes Wissen

Berichte über Wundbehandlung beim Menschen gibt es seit mehr als viertausend Jahren. Wandmalereien und  Aufzeichnungen aus dem alten Ägypten beschreiben Behandlungen mit Leintüchern (die man für die Mumien herstellte). Diese Tücher wurden in Honig getränkt und aufgelegt. Noch viel älter aber scheinen Kenntnisse zu sein, die offensichtlich bei Menschenaffen existieren und bei diesen ebenso wie bei den frühesten Menschen genutzt wurden. Zur Erinnerung: Große Menschenaffen haben etwa 97,5 % ihres Genoms  gemeinsam mit uns.

Heilpflanzen anwenden

Wichtig ist auch der Prozess der Herstellung und Anwendung.  Die beobachtenden Biologen teilten mit, dass die Zubereitung durch Kauen der Blätter etwa 30 Minuten und die Behandlung der Wunde dann weitere 7 Minuten dauerte. Sie schreiben, dass diese spezielle Pflanze sonst von den Affen nicht oder kaum konsumiert würde. All das spricht dafür, dass es sich nicht um eine zufällige Anwendung  handelte, sondern dass bewusst ein Heilmittel eingesetzt wurde. Angemerkt werden sollte auch, dass Rakus sein Pflanzenerzeugnis nur auf die Wunde verteilte und nirgendwo sonst am Körper anwendete.

Woher kommt die Kenntnis

Woher wusste der Orang- Utan, welche Pflanze zum Heilen der Wunde eingesetzt werden kann und wie sie zubereitet werden musste? Die verschiedenen Theorien gelten für Affen genauso wie für Menschen:

  • Es gibt ein angelegtes Wissen, welches genetisch und epigenetisch weitergegeben und einfach schon bei der Geburt vorhanden ist.
  • Das Wissen wird  erworben durch eigene gute und schlechte Erfahrungen sowie Zufallsereignisse.
  • Das Wissen wird sozial erworben, indem man durch Andere unterrichtet wird und lernt.

Da erkennen wir uns durchaus wieder: Wir spüren brennende Schmerzen bei Berührung von Brennnesseln und vermeiden danach direkten Haut-Kontakt mit dieser Pflanze; wir machen die Erfahrung, dass wir bestimmte Lebensmittel nicht vertragen und meiden sie dann.  – In Schule und Studium wird uns Wissen weitergegeben. – Alexander Fleming entdeckte vor fast hundert Jahren zufällig, dass an einer Stelle seines Versuchspräparates, wo sich Schimmelpilze ausbreiteten, keine Bakterien wuchsen. Diese Zufallsentdeckung führte zum Antibiotikum Penicillin.

Genetik und Epigenetik

Längst ist bekannt, dass wir mehr als die Summe unserer Gene sind. Die Epigenetik als Teilgebiet der Biologie beschäftigt sich mit genetischen Veränderungen, die unter Einfluss von Lebensumständen stattfinden und an die nächste Generation  weitergegeben werden können. So weisen zum Beispiel eineiige Zwillinge, die bei Geburt völlig identisch sind, nach verschiedenden Lebenwegen später völlig andere Merkmale auf. Da diese an die Nachkommen weitergegeben werden können, können in der nächsten Generation mit höherer Wahrscheinlichkeit beispielsweise bestimmte Krankheiten ausbrechen. Neueste Studien zeigen:  “wer sich längere Zeit ungesund ernährt, verändert womöglich dauerhaft wichtige Schaltstellen in seinem Erbgut. Eltern steigern dadurch nicht nur das eigene Risiko auf Stoffwechselerkrankungen, sondern auch das ihrer künftigen Nachkommen”.

Synthetische Stoffe, neue Medizin

Erst im 19.Jahrhundert begann die industrielle Herstellung wirksamer Substanzen aus Pflanzen, wie  Morphin, Chinin, Cocain, Atropin. In dieser Zeit lag die Lebenserwartung unter 50 Jahren, für fast die Hälfte der Todesfälle waren  Infektionskrankheiten verantwortlich; Penicillin und Insulin standen noch nicht zur Verfügung. Zu Beginn des ersten Weltkrieges gab es etwa 300 Wirksubstanzen, heute sind es mit steigender Tendenz etwa 3000.  Das erste völlig synthetische Arzneimittel war die Salicylsäure, aus der das bekannte Aspirin entstand.

Eine Erfolgsgeschichte der neuen Medizin also, allerdings gab es gleichzeitig  Bewegungen, die für die sogenannten “natürlichen Heilmethoden” warben wie beispielsweise S. Kneipp.

Phytotherapie, die Pflanzenheilkunde

Über die Hälfte aller Medikamente geht auf aus der Natur gewonnene Stoffe zurück. Hippokrates verordnete Granatapfelsaft gegen Fieber, in Alt- Ägypten wurde Hanf zur Schmerzlinderung eingesetzt, der Ebers-Papyrus um 3500 v.u.Z. listet Hunderte von Rezepten zur Heilmittelzubereitung auf. Im  Europa des Mittelalters blühte die Klostermedizin; die  berühmteste Vertreterin Hildegard von Bingen beschrieb im 12. Jahrhundert  in  ihrem Buch “Physica” etwa 2000 Heilpflanzen und ihre  Anwendung; in Tansania benutzen Menschen und Tiere seit Jahrhunderten die gleichen Heilpflanzen gegen Fieber und Durchfall. Heute ist die Phytotherapie ein Teil der Naturheilkunde. Patienten erwarten von Phytotherapie  vor allem auch geringere Nebenwirkungen als bei der ‘Chemiekeule’, vergessen dabei allerdings zu oft, dass mit geringeren Nebenwirkungen auch geringere Wirkung verbunden ist,

Selbstmedikation ja oder nein?

Es sind  viele Gründe für Selbstmedikation denkbar. Ja, auch knappe Arzttermine zum Beispiel, ein fehlendes Grundvertrauen in die ‘Schul’-Medizin, Angst vor Nebenwirkungen der Medikamente, der Glaube, dass etwas ‘gut tut’, wenn es ‘natürlich’ ist und wenn man es vorsorgemäßig einnimmt. Ein wichtiger Punkt ist die medizinische Kommunikation, die sich zwar in letzter Zeit etwas verbessert hat, aber offensichtlich nicht genug: so bleibt es leichter, den Heil-Versprechen von Firmen, die nicht rezeptpflichtige Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmitt vermarkten, blind zu glauben.

Menschen glauben weiterhin  gern, dass  Heilmittel aus Pflanzen weniger schädlich seien; dabei finden sich die stärksten Gifte in Pflanzen. Dass Schmerzmittel beispielsweise zu schweren Leberschäden führen können, wissen manche inzwischen und überschreiten bei Selbstmediktion wenigstens nicht die angegebene Dosis; dass das aber auch bei ‘harmlosen Nahrungsergänzungsmitteln oder Teezubereitungen gilt, haben sich die Wenigsten klargemacht: hier scheint man sich oft auf  “Mehr ist mehr” zu berufen, sonst wären beispielsweise die steigenden schweren Nebenwirkungsfälle  bei  Kurkuma – haltigen Präparaten nicht erklärlich.

Fazit

Ja, es gibt heilende Pflanzen und auch ein uraltes Wissen über die Anwendung und Wirkung. Bei der Selbstmedikation allerdings sollten wir sehr vorsichtig sein, ob es sich um Vitamine, Nahrungsergänzungsmittel oder einfach Teezubereitungen handelt. Vor allem aber sollten wir  beachten, dass alle freiwillig und ohne ärztliches  Rezept eingenommenen Mittel den behandelnden Ärzten mitgeteilt werden müssen! Nur dann können pflanzliche Heilmittel eine vielleicht vorhandene heilende Wirkung entfalten, ohne zu unerwünschten Neben- und Wechselwirkungen mit anderen  verschriebenen Medikamenten zu führen oder letztlich toxisch für den Menschen zu werden.

 

Literaturtipps

Landgraf Christine: Die heilende Kraft der Natur

Leven Karl Heinz . Geschichte der Medizin: von der Antike bis zur Gegenwart

 

 

 

 

 

 

Geklonte Affen und Doppelgänger

Die Nachricht: In China wurden Affen geklont. Was ist Klonen? Man könnte sagen, die Erzeugung von (späten) Zwillingen. Genauer: die Herstellung einer nahezu genetisch identischen Kopie eines Organismus aus einer entkernten Eizelle, in die der Zellkern aus einer Körperzelle eines erwachsenen Lebewesens eingebracht wird. Der so entstandene „Embryo“ kann dann in frühem Stadium benutzt werden, um Stammzellen zu gewinnen, oder er wird zur weiteren Entwicklung in eine Gebärmutter eingebracht. Das entstehende Lebewesen, wie zum Beispiel das vor fast einem Vierteljahrhundert erstmals geklonte Schaf „Dolly“, ist chromosomal identisch mit dem Spender der Körperzelle. Das Klonen kann also zwei ganz verschiedene Ziele haben: Forschungszwecke, z.B. Entwicklung neuer Therapien; dann spricht man von „therapeutischem Klonen“, oder aber man möchte in einer Leihmutter ein geklontes Wesen austragen und zur Welt kommen lassen, das wäre „reproduktives Klonen“. Dieses ist nach Dolly an verschiedenen Tieren gelungen, zum ersten mal jetzt bei Primaten.

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