Ist die moderne Medizin rassistisch?

Rassen gibt es nicht. Jedenfalls nicht im Sinne der alten Rassentheorien, die die Menschen nach dem äußeren Erscheinungsbild (Schädelformen, Hautfarben) oder nach der Herkunft  einteilten. Die  von Anfang an bestehende Unsicherheit bei dem Versuch, die Menschen zu katalogisieren, zeigt sich schon darin, dass man in Systematiken von unter 10 bis über 200 verschiedene „Rassen“ beschrieben hat. Von Anfang an gab es dabei eine Vermischung von Beschreibung und Wertung. Sogar Immanuel Kant war der Meinung, dass sich „Rassen“ in der Bildungsfähigkeit unterscheiden. Immerhin wehrte sich bereits Johann Gottfried Herder dagegen. Die Wertungen führten zu „Rassismus“: einmal zu den bekannten politischen Ideologien, Konzepten von Apartheid und Unterdrückung, letztlich zum Holocaust, aber auch zu einem Alltagsrassismus, täglich abzulesen nicht nur an Gewalttaten, sondern ebenso an Benachteiligungen z.B. bei Suche von Wohnung und Arbeitsplatz.

Keine Rassen, aber Rassismus

Rassen gibt es nicht? Im Grundgesetz Artikel 3 steht: „Niemand darf wegen […] seiner Rasse […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Das ist gut zu wissen, und auch die  UNESCO hatte schon 1949 Stellung genommen zu Wertungen. Allerdings wird da der Begriff „Rasse“ benutzt. Deshalb hatte schon 2001 das Deutsche Institut für Menschenrechte gefordert, den Artikel zu ändern. https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/Policy_Paper/policy_paper_16_ein_grundgesetz_ohne_rasse.pdf  

Es lohnt sich, die Begründung zu lesen: man kann nicht Rassismus glaubwürdig bekämpfen, wenn der Begriff „Rasse“ beibehalten wird. Ganz neue Begriffe wären also gut. Allerdings: ist es nicht auch so, dass wir oft Begriffe benutzen, die wissenschaftlich streng  gar nicht definiert sind? Teilweise haben wir in unserem Bemühen, nicht mehr biologistisch zu argumentieren, heute den Begriff durch „Kulturen “ ersetzt, was aber auch problematisch ist, da hier Kulturen als festgefügte Einheiten gesehen werden und nicht als Prozesse. Warum weiterhin die Unsicherheit? Heute haben wir doch das menschliche Genom entschlüsselt! Genau das hat uns aber in Bezug auf diese Fragestellung nicht weitergeholfen. Kurz gesagt: alle Menschen stimmen zu 99,9% in ihren DNS-Sequenzen überein, d.h. dass die genetischen Unterschiede ein Promille betreffen. Ferner wissen wir heute, dass Gene nicht deterministisch sind, also bestimmend, sondern variabel, veränderbar, äußeren Einflüssen unterworfen. Am wichtigsten: die größten Unterschiede bestehen zwischen Individuen, nicht zwischen Gruppen. Von der Idee, Menschen in Unterarten klassifizieren zu können wie in der Zoologie sollten wir also endgültig Abschied nehmen. Wir können uns vorstellen, dass es eine Art genetisches Netzwerk gibt ohne streng differenzierte Populationen. Vor allem aber sollten wir uns einmal klarmachen, wie es denn seit Urzeiten zur Entstehung eines Kindes kommt: die Zeugung  geht immer von genetisch verschiedenen Menschen aus!

Individuen behandeln, an Gruppen forschen

In letzter Zeit wird mehrfach diskutiert, ob der moderne Trend zur „personalisierten“ Medizin rassistisch ist. Natürlich ist Ziel jeder guten Medizin, das Individuum zu behandeln, den einzelnen Patienten zu sehen in seiner Einmaligkeit. Die medizinische Forschung aber braucht Gruppen, um Aussagen treffen zu können. Beispielsweise liegen Daten hauptsächlich für Männer vor, Krankheiten verlaufen bei Frauen oft ganz anders. Forschung bei Kindern hat viele Hürden zu überwinden, bevor sie genehmigt wird, ebenso bei Schwangeren. Woher stammen dann aber unsere Kenntnisse? Ist das Ganze bis heute ein riesiges Experiment, ein Einsetzen von Methoden und Medikamenten für alle, um zu sehen, was danach passiert? Medizinische und pharmakologische Forschung hat schon lange verschiedenartige  Anfälligkeiten oder Resistenzen gegenüber Medikamenten und Krankheiten festgestellt; heute wird immer mehr versucht, entsprechende Differenzierungen in der Therapie einzuführen. Ziel ist eine für jeden Einzelnen maßgeschneiderte Medizin. Wie aber werden wir korrekt die Gruppen für die Forschung aussuchen? Tatsächlich gibt es in den USA den Fall einer Zulassung für ein Medikament nur für schwarze Amerikaner – die Formulierung der Zulassungsbehörde war „bei Patienten mit nach eigener Zuordnung dunkler Hautfarbe“ – , da Studien auf eine bessere Wirkung hingewiesen hatten. Allerdings stellte sich bei genauen Untersuchungen heraus, dass gerade diese Studien schwerwiegende Mängel aufwiesen.

Personalisierte, individualisierte, stratifizierte Medizin

Auch hier verwirren die vielen Begriffe. Eigentlich sollte man sie streng differenzieren, was aber wiederum klare Definitionen voraussetzen würde. „Personalisiert“ heißt eigentlich nur, dass jeder Patient als Individuum wahrgenommen wird und nicht nur seine Genetik, sondern auch sein ganzer Werdegang in seinem sozialen Umfeld für Diagnose und Therapie beachtet werden. Als Ziel ist das nicht neu, wird doch schon von Hippokrates überliefert: „Es ist wichtiger zu wissen, welche Person eine Krankheit hat, als zu wissen, welche Krankheit eine Person hat. – „Individualisiert“ wäre, wenn z.B. durch einen Test festgestellt werden könnte, welches das bessere Medikament und die optimale Dosierung für einen Patienten ist (Pharmakogenetik) oder auch allgemein die bessere Strategie für schon vorhandene oder erst zu erwartende Erkrankungen. („Prädiktive Medizin“). Da stehen wir noch am Anfang. –  „Stratifiziert“ spricht das angesprochene Problem der Gruppenbildung an: können wir im Vorfeld entscheiden, welche Patientengruppen auf ein Medikament ansprechen und welche nicht, welche mehr oder weniger Nebenwirkungen entwickeln? Vielleicht erfasst das alles das im englischen Sprachraum benutzte „precision medicine“, Präzisionsmedizin, einfach besser?

Rassismus und Macht

Erst jetzt gibt es europaweite Projekte, die sich mit den Grundlagen dieser neuen Medizin befassen. https://www.bmbf.de/de/individualisierte-medizin-378.html.  Die Hoffnungen sind groß, die Herausforderungen enorm, die Schwierigkeiten ebenso. Übereinstimmung sollte allerdings darin herrschen: auch auf diesem Gebiet muss Rassismus jeder Art von vornherein wahrgenommen und ausgeschlossen werden, ist er doch als  wertende Einteilung von Menschen von jeher mit Machtmissbrauch verbunden. Der französische Philosoph Michel Foucault sagte schon 1976 in seiner berühmten Vorlesung über „Bio-Macht“, dass die „mörderischsten Staaten zugleich zwangsläufig die rassistischsten sind“ und dass ein Ziel des nazistischen Regimes „die Kontrolle der den biologischen Prozessen eigenen Zufälle“ war. https://www.uni-muenster.de/PeaCon/global-texte/g-bio/g-bio-n/foucault-vorlesung-17-3-76.htm   Wehret den Anfängen!

 

Literaturtipps:

 

G. M. Fredrickson: Rassismus, ein historischer Abriss

Rassismus: die Erfindung von Menschenrassen

Dorothee Kimmich: Was ist Rassismus?

Deutscher Ethikrat: Personalisierte Medizin

 

https://www.leitbegriffe.bzga.de/alphabetisches-verzeichnis/praediktive-medizin-und-individualisierte-medizin/#top

http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/213673/rassen-gibt-s-doch-gar-nicht

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