Ist Alter eine Krankheit?

Versuchen Sie es doch einmal: Watte in die Ohren stecken, ein wenig Öl auf den Brillengläsern verreiben, Kniegelenke fest mit Binden umwickeln – es sind nur wenige Tipps, aber Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Es geht darum, „normale“ Fähigkeiten wie das Sehen, Hören, ungehinderte Laufen einzuschränken. Und jetzt gehen Sie bitte für eine festgesetzte Zeit Ihren „normalen“ Tätigkeiten nach, nicht nur zu Hause. Gehen Sie z.B. einkaufen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie ungewöhnlich müde und gestresst sein und eher als geplant aufhören wollen. Was ist da passiert? Sie haben Alter simuliert.

„Alt“als Begriff

„Alt“ bezeichnet Verschiedenstes, genauer: wir verbinden unterschiedliche Bewertungen damit. Man denke an die positive beim alten (wertvollen) Gemälde, die negative bei altem (wertlosem) Schrott. Beim Menschen gibt es eine Art Alters – Norm, eine Vorstellung, wie man in einem bestimmten Alter ist und sich verhält. Diese ist aber keinesfalls stabil, sondern hängt  zum großen Teil davon ab, welche Bilder vom Alter in der Gesellschaft vermittelt werden. Man kann beim Alter nur das Abnehmen von Fähigkeiten sehen oder eher die Zunahme von Kompetenzen. Im einen Fall redet man im Alltag und in den Medien dann mehr über die Probleme des Alterns, im anderen über erreichte Ziele und bewundernswerte Schöpfungen. Tizian hat mit über 90 gemalt und Monet soll, noch malend, kurz vor seinem Tode gesagt haben: „Ich glaube, allmählich verstehe ich etwas davon!“ Stereotype führen zu Diskriminierung, so auch im Falle des Alters.

Am Anfang die Biologie

Altern und Tod gehören zu den biologischen Gegebenheiten. Mehrzellige Lebewesen altern und sterben; allerdings besitzen sie auch unsterbliche Zellen, die Keimzellen. Warum? Es gibt Theorien, die zufällige Prozesse (z.B.Schadstoffeinwirkung) in den Vordergrund stellen, andere, die genetisch feststehende Alterungsprogramme zugrundelegen ( z.B. den programmierten Zelltod, die „Apoptose“). Wir haben heute ziemlich gute Kenntnisse über das Wie, das Warum können wir wie so oft nicht erkennen. Die Evolutionsbiologie beantwortet die Frage so, dass nur die Erhaltung der Art wesentlich ist, also die Weitergabe der genetischen Information; wie alt das Individuum wird, ist dabei ohne Bedeutung.

Soll man, kann man biologisches Altern als Krankheit definieren? Der Genetiker Sven Bulterijs gehört zu denen, die das für richtig halten. https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fgene.2015.00205/full.  Argumente gibt es genug. Was wir für normal und was für krank halten kann ja nur im historischen Kontext gesehen werden – man denke an Masturbation und Homosexualität, die als Krankheit definiert waren und für die dementsprechend zahllose „Therapien“ angeboten wurden. Auf der anderen Seite kann als ein Beispiel die Osteoporose angeführt werden, die als Alterserscheinung gedeutet und erst 1994 von der WHO als Krankheit anerkannt wurde, das Gleiche gilt für die Adipositas, „Krankheit“ seit 2013. Im Grunde erstellen wir lediglich eine Klassifikation von Zuständen, die medizinisch behandelbar sind. Wir ziehen Grenzen, mit dem Ergebnis, dass z.B. ein systolischer Blutdruck von 140 abnormal und einer von 139 normal ist. Dass Krankheit dazu noch nicht nur medizinische, sondern auch soziale Aspekte hat bleibt außer Acht ebenso wie die Tatsache, dass Krankheit etwas Anderes als Kranksein ist, dass das Erleben des Patienten ganz anders sein kann als die ihm zugewiesene Diagnose erwarten lässt. Viele Prozesse sind als behandlungsbedürftige Krankheiten definiert, die aber gehäuft im Alter auftreten. Ist Alter vielleicht ein normaler Prozess, aber auch eine besondere Form von Krankheit? Krankheiten im Alter also, durch Alter oder Alter als Krankheit an sich? Bulterijs hofft auf mehr Forschungsmöglichkeiten, wenn das Alter selbst als Krankheitsprozess anerkannt würde.

Lange und gut leben

Das Ziel aller Menschen scheint nicht die Lebensverlängerung um jeden Preis zu sein, sondern so alt wie möglich bei guter Gesundheit zu werden. Das „so alt wie möglich“ hängt dann zum großen Teil vom technischen Fortschritt ab, wenn dessen Möglichkeiten weiter wachsen. Damit ergeben sich aber ganz andere Fragen. Wie würde ein Zweihundert – Jähriger in das neue Jahrhundert passen, in dem er lebt?  Kann gleichzeitig die Hirnleistung, z.B. in Bezug auf Geschwindigkeit von Informationsverarbeitung soweit gefördert werden, dass sie an den immer neuen Körper angepasst ist? Wobei hier nur die Frage der Sicht des Individuums angesprochen wird, uferlos sind auch die gesellschaftlichen Fragen: was wäre mit Renten, Wohnungen, sozialer Absicherung? Sehen wir nicht schon jetzt trotz der immer weiter gehenden Einebnung der intergenerationellen Grenzen in Bezug auf Lebensart und Kleidung in den letzten Jahren zunehmende „Altersdiskriminierung“? Gibt es nicht längst „aegeism“ genauso wie „sexism“? Geht es hier nur um den ökonomischen Kampf in Bezug auf Verteilungsgerechtigkeit zwischen den Generationen, hat die Jugend zunehmende Ängste oder findet da in unserem Kulturkreis ein radikaler Wertewandel statt? Welche politischen Folgen würde das haben? Aktuell: gestern erschien ein Artikel http://www.taz.de/Kolumne-Der-rote-Faden/!5597166/mit dem Titel „Rentner, gebt das Wahlrecht ab!“ Dass das Thema allerdings nicht so neu ist, zeigt ein anderer 25 Jahre alter Artikel !  https://www.zeit.de/1995/11/Diktatur_der_Alten_

Alter, Leiden und Zeit

Menschen leben in der Zeit und erleben sie. In der Jugend stellen wir die Frage nicht, im mitteren Lebensalter nehmen wir die begrenzte Lebenszeit wahr. Das Bewusstwerden, wobei es erstmalig auch um kritische Prüfung und Bilanzierung des schon gelebten Lebens geht, ist ein charakteristischer Teil der sogenannten midlife crisis. Dieses Zeiterleben ist „normal“, es befähigt uns, uns mit unserem Verstand mit den Realitäten Endlichkeit und Endgültigkeit auseinanderzusetzen. Die Medizinethikerin Claudia Bozzaro hat dieses existenzielle Leiden als  „verdecktes Leiden an der verrinnenden Zeit“ dem körperlichen, durch Schmerzen verursachten Leiden gegenübergestellt. Sie verweist hier auf die „Anti-Aging-Medizin“, deren Ziel eher ewige Jugend, also Abschaffung des Alterns ist als ein gesundes Altern. Alter wird als behandlungsbedürftige Krankheit aufgefasst. Dagegen stellt Bozzaro die Einsicht des Philosophen Kierkegaard, dass das Todesbewusstsein dem Menschen hilft, „bei Lebzeiten alles zu gewinnen“. Man könnte hier einen sehr alten Text zitieren, den 90. Psalm : „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“.

Die durchschnittliche Lebenserwartung (in Europa) neugeborener Jungen im Zeitraum 1871/81 betrug knapp 36 Jahre, heute etwa 79, die Schätzung für 2060 liegt bei fast 85. Medizin und Technik trugen dazu bei, Wasserversorgung, Seuchenbekämpfung, Impfstrategien sind einige Beispiele. Jeder Einzelne kann heute Kenntnisse zur persönlichen Vorsorge für ein gesundes Leben umsetzen. Ob darüber hinaus die „ewige Jugend“, das Alter als behandelbare Krankheit oder der Tod als abzuschaffendes Überbleibsel aus vormoderner Zeit als Ziel überhaupt erstrebenswert sind, darüber lohnt sich intensiv nachzudenken. Bei der heutigen Lebenserwartung hätten wir Zeit genug, früh damit anzufangen!

 

Literaturtipp:

1.Bozzaro Claudia: Das Leiden an der verrinnenden Zeit

2.Helmchen Hanfried et al: Ethik in der Altersmedizin

3. Knell, Sebastian, Marcel Weber (Hrsg): Länger leben? 

4.  Disch Ursula: Der Umgang mit dem Alter in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten.

 

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