Ich, Wir und die Anderen

Erst gegen Ende des 2. Lebensjahres erkennt ein Kind sich selbst im Spiegel, noch später sagt es „Ich“, was immer das heißt; denn was dieses  ICH eigentlich ist, darüber herrscht Philosophenstreit seit der Antike, neuerdings aufgeflammt im Lichte der Neurowissenschaften*.  Jedenfalls wird das Kind sich seiner selbst bewusst – Selbstbewusstsein im Sinne von  „Bewusstsein von Bewusstsein“, nicht im oft gebrauchten Sinne von „Selbstvertrauen“ – und kann das endlich ausdrücken im Wort „Ich“.

Damit verbunden ist die erste Abgrenzung, das Wort „Du“. Der Mensch ist von Anfang an ja nicht allein, sondern in irgendeiner Form auf seine Umwelt bezogen. Die enge körperliche Verbindung des Kindes mit der Mutter wird bei der Geburt getrennt. Dann steht es ein Leben lang in einer Beziehung zu Anderen, nimmt kulturelle Einflüsse und soziale Verhaltensweisen in sich auf. Die Identität, so der Psychoanalytiker Erik Erikson, hängt von diesen Erfahrungen ab. Oder, nach Habermas in einem Satz vereinfacht ausgedrückt: Das, was man Identität nennt, ist nur gemeinsam mit anderen Menschen auszubilden. Das sagte übrigens auch schon der deutsche Philosoph Fichte vor 200 Jahren, dass nämlich der Mensch nur unter Menschen ein solcher wird, und ebenso alt ist Hegels Gedanke, dass die Wahrnehmung des Selbst mit der Abgrenzung zum Anderen verknüpft ist.

Die Grenze durch den Anderen

So weit, so wohl  einsichtig. Wo liegt das Problem, das uns praktisch umtreibt? Einerseits bilden wir unser Selbst nur durch die Begegnung mit dem Anderen aus, erfahren nur so,  wer wir sind, andererseits setzt uns eben dieses Grenzen. Wir haben verschiedene Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Vielleicht empfinden wir Freiheitseinschränkung. Oder wir fühlen unsere gesamten bisherigen Begriffe in Frage gestellt, weil wir auf ganz andere Verhaltensweisen und  grundsätzlich andere „Normalitäten“ stoßen.  Wir werden verunsichert, ziehen uns zurück oder beginnen das, was „uns“ darstellt, zu verteidigen, vielleicht auch, den Anderen anzugreifen.

Othering

Für diesen Fachbegriff gibt es kein allgemein akzeptiertes deutsches Äquivalent. Eine wörtliche Übersetzung würde „Veranderung“ heißen. Der Begriff beschreibt den Prozess, in dem wir uns selbst positiv hervorheben, indem wir Andere negativ beschreiben. Wir verorten uns in der „positiven“ Gruppe und distanzieren uns von der so als „negativ“ bezeichneten.  Wir sind also zunächst mit unserer gefundenen Identität zufrieden, sehen Familie und Freunde, Partner und Mitarbeiter, Nachbarn und Bekannte aus verschiedensten Lebenssituationen  als „ähnlich“ an und fühlen uns wohl und sicher in der so hergestellten Gruppe. So weit, so gut. In dem Augenblick aber, wo wir Andere aus unseren Gruppen ausgrenzen, können sich Feindbilder herausbilden und immer weiter verstärken. So entsteht „Fremdenfeindlichkeit“. Im schlimmsten Falle haben wir am Ende eine Ideologie entwickelt, unsere Gruppe als biologisch oder kulturell „höherstehend“ klassifiziert oder als von Gott „Auserwählte“ bezeichnet – mit den bekannten Folgeerscheinungen in allen Religionskriegen, in Nationalsozialismus und  Faschismus.

Würde durch Verantwortung

Was hat das mit Ethik zu tun? Der Philosoph Emmanuel Levinas hat eine eigene Philosophie des Anderen entwickelt. „Der Andere bildet keine Mehrzahl mit mir“, sagt er in seinem Werk „Totalität und Unendlichkeit“. „Die Gemeinsamkeit, in der ich <DU> oder <WIR> sage, ist nicht ein Plural von <ICH>.“ Und weiter: „Die Fremdheit des Anderen, das ist seine eigentliche Freiheit. Nur freie Wesen können einander fremd sein.“ Nun ist Levinas in seiner Vielschichtigkeit nicht gerade leicht zu lesen, und aus dem Zusammenhang getrennte Zitate sind bei ihm besonders problematisch. Vorsichtig darf man aber als eine seiner wesentlichen Kernaussagen bezeichnen:  das menschliche Ich erlangt seine eigentliche Würde erst dann, wenn es Verantwortung für den Anderen übernimmt.

Verletzlichkeit und Verpflichtung

Von da aus ein riesiger Sprung zu einer ganz anderen Philosophin: Judith Butler, bei der ich den Satz fand: „Weil wir alle verletzlich sind, sind wir allen verpflichtet“. Ein wunderbarer Satz, den ich so verstehe, dass diese Verpflichtung etwas Erstes und Unbedingtes ist, eben weil sie uns alle betrifft. Ja, wir sind alle verletzlich. Wir und die Anderen sind – wie bei Levinas – einander ausgeliefert, so ist unsere Verpflichtung unmittelbar; sie ist unabhängig von jeder sozialen Norm und liegt noch vor jedem uns vielleicht naheliegenden moralischen Urteil. Das ist wahrscheinlich viel schwieriger, als einer Norm einfach zu folgen, aber es betont unsere Freiheit: wir können so moralisch handeln,  gerade ohne uns feststehenden Geboten sklavisch zu unterwerfen; wir müssen nur bei der Begegnung mit dem Anderen im Einzelnen und ganz konkret jedes Mal unsere Handlungen überprüfen. Ich glaube, es lohnt sich, darüber nachzudenken. Es wäre etwas, was uns zumindest vor dem automatischen Mechanismus des „Othering“ bewahrt.

 

*Dabei herrscht der Glaube,  sich selbst erkennen zu können, wenn man nur mehr über sein Gehirn weiß.

 

Literaturtipp:

Markus Gabriel: Ich ist nicht Gehirn ,

Judith Butler: Kritik der ethischen Gewalt,

Emmanuel Levinas: Die Spur des Anderen,

Erik Erikson: Identität und Lebenszyklus

 

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