Human Enhancement oder „Ich gefalle mir nicht“

Human Enhancement heißt Verbesserung des Menschen. Dazu gehört der Wunsch, den Körper zu verändern; gemeint sind heute oft auch  technische Eingriffe mit dem Ergebnis  des „Maschinenmenschen“, des „Cyborgs“.* In der ethischen Diskussion  der letzten Jahre geht es hauptsächlich um Maßnahmen ohne medizinischen/ therapeutischen Anlass.

Die Grauzone: was ist Krankheit, was Gesundheit?

Damit ist die Schwierigkeit gleich klargestellt, denn was ist denn ein „medizinischer“ Anlass, was ist „Therapie“ und was nicht? Ich will schöner sein, schneller oder besser, und das ist vielleicht erreichbar durch medikamentöse oder andere Eingriffe. Warum sollte ich kein Recht dazu haben? Geht es nur um Leistungssteigerung ohne mehr Training, wie z. B. im Sport, ist das noch am leichtesten verstehbar. Doping ist dort nicht erlaubt, und allein das Gerechtigkeitsproblem ist sofort einsichtig, wären die  anderen Teilnehmer doch benachteiligt. Wie steht es aber z.B. um ein Kind mit abstehenden Ohren, sicher keine “ Krankheit“. Ist ein operativer Eingriff hier „kosmetisch“ ? Wie traumatisierend ist für dieses Kind sein Zustand, der es als von anderen Kindern  verschieden zeigt? Wird es ausgegrenzt, gehänselt, gemobbt? Ist das Leiden daran dann nicht doch „Krankheit“ und damit medizinische Begründung für die Operation? Man könnte Krankheit so definieren, dass sie dann besteht, wenn ein Mensch sich krank fühlt, also in irgendeiner Form leidet. Aber man könnte auch argumentieren, dass Leiden ein Teil der Conditio humana, des Menschseins, ist und dass eine Gesundheit, wie einst von der WHO definiert, („Gesundheit ist ein Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen) letztlich nicht erreicht werden kann. Man könnte auch Odo Marquards schon 1989 geäußerten Gedanken von der „Penetranz der Reste“ weiterdenken: „Wer fortschrittsbedingt unter immer weniger zu leiden hat, leidet unter diesem Wenigen immer mehr“.  **

Behinderung:  Definition durch die „Gesellschaft“.

Noch schwieriger werden Abgrenzungen bei unserem Wort „Behinderung“. Darunter verstehen wir eine schwere und dauerhafte Beeinträchtigung der gleichberechtigten „Teilhabe“ an der Gesellschaft. Das Problem liegt darin, die Ursache in einem Defizit des Betroffenen zu sehen und nicht in einer Benachteiligung, die aufgehoben werden kann. Das fängt mit der Sprache an. „Barrierefrei“  wäre z.B. ein Begriff, der alle betrifft und insofern besser ist als „behindertengerecht“.  Aber die Probleme sind vielschichtig. Gehörlose Kinder in einer überwiegend hörenden Gesellschaft sind sicher „anders“ und in Bezug auf Teilhabe in dieser gegebenen Gesellschaft „behindert“. Diese Behinderung kann man heute durch eine Hörprothese ( Cochlea-Implantat) aufheben, aber gehörlose Eltern sehen das häufig von einem ganz anderen Blickwinkel aus. Das Stichwort heißt Diversity, die Anerkennung der Vielfalt von Menschen und Lebensformen. So gesehen sind Gehörlose Angehörige einer Minderheit mit einer anderen Sprache. In logischer Folge gibt es bereits Prozesse, wo ein Richter entscheiden soll, ob einem Kind gegen den Willen der Eltern ein Cochlea-Implantat eingesetzt werden müsse. Es geht schlicht um die Grenze: was ist pathologisch, also krank, und was ist Teil der Vielfalt? Und, wie immer: wer bestimmt das? Muss, kann eine solche Grenze festgelegt werden, und soll man durch rechtliche Bestimmungen Betroffene in ihrer Freiheit einschränken?

Anti-Aging: was ist Schönheit, was Altern?

Natürliche Ungleichheiten können als Mangel wahrgenommen werden und damit auch als Benachteiligung im gesellschaftlichen Wettbewerb. So können z.B. ältere Menschen gegenüber jüngeren als „behindert“ angesehen werden. Ist Altern ein normaler Prozess oder der Beginn einer Krankheit, die zu verhindern oder wenigstens aufzuschieben ist? Können diesbezügliche  Eingriffe (von der Verhinderung und Behandlung von Falten und altersbedingten Hautveränderungen bis zur Hormonersatztherapie) unter dem Begriff „Vorsorgemedizin“ betrachtet werden? Und: jenseits von „Wellness“ und „Kosmetik“ gibt es ja durchaus auch eine naturwissenschaftlich fundierte „Anti-Aging“- Medizin, sind doch die häufigsten Erkankungen unserer Zeit wie Arteriosklerose, Morbus Alzheimer und Krebs, alterassoziiert;  folgerichtig muss der Alterungsprozess selbst untersucht werden, um eventuell in ihn eingreifen zu können. Außerdem wird mit den immer weiter zunehmenden Möglichkeiten der genetischen Diagnostik das individuelle Risiko für eine Erkrankung schon zu einem immer früheren Zeitpunkt bekannt sein, was dann ein Programm zur persönlichen Risikominderung für den Einzelnen ermöglichen würde.  https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/individualisierte-medizin.php.

Was die „Schönheit“ betrifft, ist der Begriff ausschließlich kulturell bedingt und schon deshalb nicht allgemein als Maßstab einsetzbar. In der Altsteinzeit symbolisierte die Venus von Willendorf das Schönheitsideal, im alten Ägypten war die schmale Figur gefragt. Im antiken Griechenland wurde das Ideal des Schönen durch den Mann verkörpert. Die „Rubensfigur“ bezieht sich auf die erwünschten üppigen Körperformen im Barock. Heute wird, nach einigen Verirrungen mit dem Ideal untergewichtiger Models, in Europa Schlankheit meist im Zusammenhang mit Gesundheit und Wettbewerbsfähigkeit gesehen und entsprechend durch Diäten- und Fitness – Ratgeber/Studios vermarktet. Praktiken zur Veränderung des Körpers, um einem gerade geltenen Schönheitsideal nachzueifern,  sind aber aus allen Zeiten und von der ganzen Welt her bekannt, man denke an die Verlängerung des Halses durch Ringe. Allerdings ist eine Grenzziehung zwischen sozialen und ästhetischen Maßnahmen oft schwierig, geht es doch meist auch um Zugehörigkeit zu einer Klasse oder zumindest Gruppe oder um Initiationsriten am Übergang vom Kindes- zum Erwachsenenalter.

Verbesserung oder „Verschlimmbesserung“?

Für den sich als frei verstehenden,  autonom handelnden Menschen wird die Kernfrage sein: geht es um etwas, was ich selbst möchte? Eine Verbesserung, die mir hilft, die mich mehr „Ich“ sein lässt, so wie ich mich sehe? Oder unterliege ich inzwischen einem sozialen Zwang, einem Druck von außen, von oben, zur Selbstoptimierung? Zurück zur Literatur, die immer schon Themen viel früher aufgreift und auf ihre Art bearbeitet. 1948 schrieb der (zum Existentialismus gezählte) Boris Vian den Roman „Wir werden alle Fiesen killen“, in dem es nicht nur darum geht, dass ein Weißkittelgott perfekte schöne Menschen auf einer Insel erschafft, sondern vor allem darum, dass der verordnete Zustand der Gleichheit und Makellosigkeit so langweilig ist, dass (sexuelle) Attraktivität nur in von außen kommenden „hässlichen Schwächlingen“ gesehen wird. Uniformität und sei es des Optimalsten als verunglücktes Modell, Diversität als nicht nur Notwendigkeit, sondern erstrebenswerte „Schönheit“. Diese Gedanken sind jetzt fast ein Jahrhundert alt!

 

* Ein eigenes Kapitel ist das des Neuroenhancements, (Verbesserung der Hirnfunktion), davon mehr das nächste Mal.

** in: Medizinerfolg und Medizinkritik, Vortrag 26.4.1989.

 

Literaturtipp:

Schöner, besser, leistungsfähiger. In: G.Maio: Medizin ohne Maß?,

Enhancement. In:  Ethik in der Medizin

Claudia Bozzarro: Das Leiden an der verrinnenden Zeit. In: Medizin und Philosophie, Beiträge aus der Forschung, Bd 12

Boris Vian: Wir werden alle Fiesen killen

 

2 Antworten zu “Human Enhancement oder „Ich gefalle mir nicht“”

  1. Wolfgang sagt:

    Liebe Ute,
    Themen wie
    „Die Grauzone: was ist Krankheit, was Gesundheit?,
    Behinderung: Definition durch die „Gesellschaft
    Anti-Aging: was ist Schönheit, was Altern?
    Verbesserung oder „Verschlimmbesserung“?,
    regen zum Denken an, eine Aktivitaet, zu der eine breite Gesellschaftsschicht nicht mehr in der Lage ist, da sie vom Großkapital ausgebeutet wird, wie ich es in meiner Lebenszeit nicht erlebt habe. M.E. herrschen diese Sklaven ähnliche Zustände global.
    Vielen Dank für deine immer wieder „neuen“ Gedanken, die auch zukunftsweisend sind. Denn jeder der nachdenkt weiß, dass Kapitalismus ein Auslaufmodell ist. Wenn diese Tatsache nicht bald breite Zustimmung findet, wird der Mensch auf diesen Planeten bald nicht mehr leben können. Einen anderen Planeten zumindest in Reichweite gibt es nicht.
    Für einige Dollar mehr in den schon gefüllten Taschen einiger Billionäre wird die Zukunft der Spezies Mensch gefährdet. Wir saegen froehlich singend und in den Urlaub fliegend am Ast auf dem wir sitzen.
    Liebe Grüße aus LA
    Wolf

    • Ute Altanis-Protzer sagt:

      Dank für den Kommentar. Du sagst also, dass die wirklich beklagenswerten Zustände sozialer Ungerechtigkeit schuld daran sind, dass Menschen nicht mehr denken. Und forderst letztlich eine politische Lösung.Ich dagegen glaube, dass nichts und niemand Menschen am Denken hindern kann.
      Natürlich kann man davon ausgehen, dass ALLES im Leben Politik ist und dass man sich dort engagieren müsste, um Veränderungen zu bewirken. Das wären aber mehr Themen für einen gesellschaftspolitischen Blog, was dieser nicht ist und nicht sein will.
      Wir können uns darauf einigen, dass wir Beide mit Nietzsche „denkendere Zeiten, zerdachtere Zeiten als unser Heut und Gestern“ wünschen!
      Allerdings muss ich zugeben (wie der Berliner sagt):“Man kann oft jar nich so dumm denken wie’t kommt“ …..
      Grüße aus Berlin! UAP

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