Coronavirus – Tierschutz – Menschenschutz

Das neue  Virus  SARS – CoV – 2 hat uns alle vor neue Herausforderungen gestellt. Durch die Coronapandemie und durch die Maßnahmen, die zu ihrer Eindämmung ergriffen wurden und werden. Es gibt die widersprechendsten Meinungen; alle sind sich aber wohl einig, dass wir uns irgendwie schützen müssen. Dabei stehen im Focus der Diskussionen die besonders vulnerablen Gruppen, gekennzeichnet durch Alter, Krankheit oder Behinderung. Ich möchte hier diese Gruppen einmal ergänzen: durch die Tiere.

Coronavirus und Tiere

Das Virus braucht einen Rezeptor, um im Organismus anzudocken; diesen findet es bei Menschen und bei Tieren vor, wobei nicht alle Tierarten gleich anfällig sind. Als besonders vulnerabel gelten Katzen, Hamster und Frettchen. Diese Tiere stecken sich leichter an und können das Virus an andere Tiere weitergeben, während es bei Hunden offenbar schwächer repliziert. Laut WHO und Weltorganisation für Tiergesundheit OIE  gibt es aber weiterhin keine Hinweise darauf, dass Tiere, bei denen andere Coronaviren längst bekannt und verbreitet sind, COVID-19 auf Menschen übertragen. Natürlich kann das Virus selbst sich verändern und mutieren. Offiziell gemeldet sind bisher nur Einzelfälle von infizierten Tieren – wenige Hunde und Katzen, ein Löwe, ein Tiger, Nerze in Pelztierfarmen. Bei den Letzteren handelt es sich um Tiere in großer Zahl auf engstem Raum unter nicht adäquaten Lebensbedingungen, bei denen eine so hohe Viruslast auftreten kann, was normalerweise bei Haustieren nicht der Fall ist. Ein wichtiger Schritt, mehr Daten zu erhalten, ist die seit dem 3.7.20 bestehende Meldepflicht für infizierte Haustiere.

Entwarnung also von dieser Seite her. All das lässt sich beim FLI nachlesen. Mir geht es heute vor allem um weitere Fragen, die sich aus dieser Situation ergeben haben

Menschen und Tiere

Tiere sind oft unsere Begleiter. Nicht nur ausgebildete Begleithunde sind zu erwähnen, sondern vielen Menschen, besonders aber solchen, die unter den Auswirkungen des „social distancing“ noch mehr zu leiden haben wie z.B. alleinstehende Senioren, ist ihr Haustier eine nicht zu unterschätzende psychische Hilfe. Dass man sich um ein Tier kümmern muss bedeutet Verantwortung und damit weiteres Interesse am Leben, Organisation im Alltag und Erhalten einer Sozialkompetenz. Dazu kommt, dass selbst in Zeiten von Lockdown das kurze Gassigehen mit dem Hund gestattet wurde, was sich positiv auf die Menschen selbst auswirkte. Es ist nur als tragisch zu bezeichnen, wenn Menschen aufgrund unbegründeter Ängste ihre Haustiere in Tierheimen abgeben –  abgesehen von der Überforderung der Tierheime, die jetzt nicht nur mit erschwerter Vermittlung konfrontiert sind, sondern tausend neue organisatorische und finanzielle Probleme haben: Schließen für Besucher, um die Pfleger/Innen zu schützen, keine Tage der offenen Tür, Basare und Spendentage mehr.

Umwelt und Verhaltensänderungen

Es häufen sich Nachrichten über ungewöhnliche Begegnungen mit Wildtieren in Städten. In Chile sichtete man Pumas in der Innenstadt von Santiago, in Triest tauchten Delphine im jetzt plötzlich ruhigen Hafen auf, die Wildschweine von Berlin sorgen schon länger für erzürnte und auch lustige Berichte. Auf der anderen Seite fehlt Tieren, die in Städten leben wie Möwen oder Affen, im Lockdown jetzt Nahrung; weniger Sozialleben der Menschen bedeutet weniger heruntergefallene Nahrungsreste, die oft fütternden älteren Menschen in Parks sind nicht da. Aus dieser Situation heraus können auch Verhaltensänderungen erwachsen. In Thailand beobachtet man zB. regelrechte Schlachten innerhalb der Tempelaffen, weil jetzt Touristen fernbleiben, die ihnen traditionell Bananen geben. Italienische Biologen haben bei Wildschweinen Veränderungen festgestellt;  Bei den Nachtigallen von Berlin wird schon länger „Stadt-Stress“ gemessen, da diese eine Heiserkeit entwickelten, die wohl durch die Notwendigkeit lauteren Singens aufgrund des dauernden Geräuschpegels auf den Straßen verursacht wird. Zusätzlich ist weltweit eine Zunahme von Wilderei zu registrieren, da gefährdete Tiere nicht wie gewohnt geschützt werden konnten.

Besseres Zusammenleben

Wildtierforscher bezeichneten die Lockdown – Zeiten mit ungewöhnlich eingeschränkter menschlicher Mobilität als “ Anthropause“ und sehen jetzt eine Möglichkeit, die Interaktionen zwischen Menschen und Tieren mehr zu erforschen. Die „COVID-19 – Bio – Logging –  Initiative“ erforscht  Verhalten und Stressniveau sowie die Wanderungen der Tiere global in Gegenden vor, während und nach Lockdown. Weltweit bekamen Tiere Mini – Sender, mit denen ihre Bewegungen verfolgt werden; Ziel ist die Entwicklung von Strategien für besseres Zusammenleben von Mensch und Tier.

Tierethik und Recht

Die Tierethik beschäftigt sich mit Fragen im Umgang mit Tieren. Die Grundsatzfrage ist die nach dem moralischen Status des Tieres. Dürfen wir Tiere nur für unsere Zwecke sehen oder haben sie einen Selbstzweck und müssen wie Menschen moralisch berücksichtigt werden? Da Tiere fühlende Wesen sind, herrscht heute eigentlich Konsens über das Letztere; in Deutschland und in der Schweiz ist ethischer Tierschutz auch in der Verfassung verankert, rechtlich ist ein Tier also keine Sache;  Menschen allerdings haben eine Sonderstellung, die gekennzeichnet ist durch Schutzpflichten, aber auch Nutzungsrechte. Hier wird besonders Wert darauf gelegt, dass niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf.

Philosophische Argumente

Bezüglich des moralischen Status gibt es in der Philosophie verschiedene Argumentationen. Kant spricht von einer möglichen Verrohung des Menschen: wer Tiere misshandelt, wird abstumpfen und auch Menschen misshandeln. Bei Schopenhauer steht das Mitleid im Zentrum, welches wir mit allen Wesen haben sollten. Wie bewerten wir aber Tötung von Tieren, wenn Grundlage deren Leidensfähigkeit ist? Praktisch geht es dann nicht nur um Fragen von Tötungsrecht, sondern besonders von Tierwohl. Unsere Lebensweise und die vorherrschende Tierhaltung sind sehr weit davon entfernt, dieses genügend zu beachten. Hier liegt ein Grund dafür, dass immer mehr Menschen eine vegetarische oder vegane Lebensweise bevorzugen.

Beim klassischen Utilitarismus ist das Ziel die Nutzenmaximierung im Sinne von Befriedigung von Lust. P. Singer stellt die Befriedigung unserer Interessen in den Vordergrund, wobei aber alle Wesen gleich zählen. Das kann zu logischen Schlüssen führen, die in ihrer Konsequenz als hochproblematisch angesehen und diskutiert werden, wie zB. die letztliche Gleichsetzung von Tieren mit Embryonen, behinderten Föten oder nicht selbstbewussten oder dementen Menschen.

Hoffnung Human Animal Studies

Die interdisziplinäre Wissenschaft hatte ihre Anfänge in den 80-er Jahren. Sie versucht, die anthropozentrische, auf den Menschen fixierte, Sichtweise zu überwinden und strebt eine gesamte, auch die Tierinteressen mit einbeziehende soziale Gerechtigkeit an. Wesentlich ist, dass wir Tiere nicht als Objekte, sondern als Subjekte sehen. Erreichen können wir das nur durch eine Erziehung, die uns Empathie lehrt und für Tierbedürfnisse sensibiliert.

Fazit:

Unsere Haustiere stellen für uns keine Gefahr da. Die Hygieneregeln sollten sowieso immer beachtet werden. Dass man sich nach dem Streicheln die Hände wäscht und sich nicht durch das Gesicht lecken lässt gilt auch außerhalb von COVID-19. Diese allgemeinen Maßnahmen müssen besonders eingehalten werden, wenn man weiß, dass man selbst oder das Tier infiziert ist.

Darüber hinaus bietet die Pandemie wie jede neue Situation auch eine Chance: wir können vermehrt nachdenken über unser Verhältnis zu den Tieren und durch Sammlung von Daten neue Erkenntnisse über ihr Verhalten und ihre Bedürfnisse gewinnen.  So können wir Strategien entwickeln für ein besseres Zusammenleben, welche auch der Umwelt zugutekommen.

 

Literatur

Peter Singer: Praktische Ethik

Julia Kockel: Tierethik

Daniel Wawrzyniak: Tierwohl und Tierethik

Ursula Wolf (Hrsg): Texte zur Tierethik

 

 

 

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