Autonomie und Fürsorge – verstehen sich Ärzt:Innen und Patienten?

Auf zwei gegenläufigen Pfeilen steht oben "right way", unten " wrong way"

 

Autonomie heißt Eigengesetzlichkeit, Selbstbestimmung. Für alle Menschen und daher auch für Patienten gilt sie heute als selbstverständlich. Alle können selbst über sich bestimmen; allerdings stehen dabei viele Fragen oft unbeantwortet im Raum: zum Beispiel, ob wir überhaupt in allen Situationen unseres Lebens wirklich autonom sind. Ferner geht es darum, ob wir unsere Entscheidungen auf der Grundlage einer klaren Einsicht in die Materie treffen können, was in der Medizin heisst, dass wir genügend aufgeklärt wurden und alles verstanden haben.

Widersprechen sich Autonomie und Fürsorge?

Ein besonderer  Aspekt treibt mich schon lange um: das Verhältnis zwischen Autonomie (der Patienten) und Fürsorge ( der Ärzt:Innen). Beides gehört zu den Prinzipien, die die Medizinethik für sich festgelegt hat. Ärzt:Innen sollen die Autonomie achten, wohltun, nicht schaden und gerecht sein. Die Frage ist also, ob Wohltun und Achten der Autonomie immer gleichzeitig durchführbar sind oder ob sie in einem Widerspruch stehen können. Können Ärzt:Innen durch Achten der Autonomie sogar ihren Patienten schaden?

Paternalismus als Bevormundung oder Fürsorge?

Es ist noch gar nicht so lange her, dass  Ärzt:Innen nach einer Untersuchung sagten: wir machen jetzt Folgendes…. und dass das von Patienten gar nicht in Frage gestellt wurde, da Ärzt:Innen ja die Expert:Innen seien. Diesen sogenannten Paternalismus  würden heute die meisten mit Recht als Bevormundung betrachten. Dennoch: wird in der ganzen Diskussion um die “gute” Autonomie und den “bösen” Paternalismus heute vielleicht manchmal vergessen, dass die Verpflichtung  zur Fürsorge das gleiche Gewicht wie die Achtung der Autonomie hat? Oder: dass Ärzt:Innen Patienten schaden könnten, wenn sie nur die Autonomie in den Vordergrund stellen? Einfach, dass es auch einen “guten” Paternalismus geben könnte?

Medizinrecht und Medizinethik

Das Ganze ist  sehr komplex.  Auch heute sind Ärzt:Innen keine reinen Dienstleister, die nach der Untersuchung nur Informationen geben und Patienten allein entscheiden lassen sollen. Ziel ist vielmehr das “shared decision making”, eine gemeinsame Entscheidungsfindung. Das aber ist ein zeitaufwändiger Prozess, der ganz offensichtlich schon aufgrund dieses  Faktors ZEIT immer schwieriger wird. Strukturen in unserem Gesundheitssystem bewerten die ganz grundlegende ärztliche Leistung (Gespräch mit Patienten) nicht so hoch wie nötig und honorieren sie entsprechend gering, während technische Leistungen wie Labor und bildgebende Diagnostik viel höher gewertet werden. Auch die in Arztbriefen zu findende Formulierung  “Der Patient wünscht ….. ” (z.B. die Operation  XY) zeigt, dass  bei Ärzt:Innen immer mehr das Bedürfnis besteht. sich vor allem rechtlich abzusichern.

Auch autonome Patienten brauchen Fürsorge

Wo bleibt da eigentlich der Patient?  Ja, autonome Menschen haben auch das  Recht, sich selbst zu schaden. In einem konstruierten Szenario könnte Folgendes beobachtet werden: Ärzt:Innen, die juristisch unantastbar sind und Patienten, die sich selbst schaden. Ist das aber wirklich der Sinn der Medizin? Gehen wir von der Praxis aus. Dass Ärzt:Innen die Interessen der Patienten wahrnehmen und schützen ist doch Grunddefintion des Berufsbildes. Und wenn Patienten sich in ärztliche Behandlung begeben, dann tun sie es, weil sie unter etwas leiden und  Hilfe suchen. Sie brauchen nicht nur Aufklärung über Fakten, sondern viel Empathie und Geduld.

Verstehen sich Ärzt:Innen und Patienten?

Auf Seiten der Patienten bestehen meist große Unsicherheiten;  nicht nur die medizinischen Fakten müssen geklärt werden, auch kennen Patienten oft nicht ihre eigenen Prioritäten. Sie brauchen Zeit, um Entscheidungen treffen zu können. Ärzt:Innen haben fast nie Zeit und oft genug auch nicht die Qualifikation für Gespräche zur gemeinsamen Entscheidungsfindung. Kürzlich wurde deshalb die Einführung von “autonomy consultants”  vorgeschlagen, worauf der schwedische Medizinethiker Pär Segerdahl in The Ethics Blog aufmerksam machte. Vielleicht liegt hier die Möglichkeit einer Brücke zwischen Ideal und Realität, wie er schreibt? Zumindest dann, wenn man glaubt, dass das Ideal – eine Medizin der Zuwendung  (Medizinethiker Maio)  –  aus vielen verschiedenen Gründen nicht erreichbar ist?

 

Danke an geralt für Bild auf pixabay

Literaturtipps

Giovanni Maio: Den kranken Menschen verstehen Für eine Medizin der Zuwendung

 

 

 

 

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