Alt – Krank – Behindert: Menschen als „Risikogruppen“?

 

Nach vier Monaten Leben mit Corona gibt es viele Fragen und einige Antworten. Wir haben gesehen, dass die Wissenschaft nicht „alles weiß“, aber Wege aufzeigt, die sie durch Untersuchungen und Daten begründet; gleichzeitig, dass die Politik, die ebenfalls nicht alles weiß, schwerwiegende Entscheidungen treffen muss und das auch tut, was Kritik von vielen Seiten hervorruft. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass der Kritik of Missverständnisse zugrundeliegen, weil  Begriffe benutzt werden, die völlig verschieden interpretiert werden können. Einer dieser Begriffe ist die “ Risikogruppe“.

Was ist eine Risikogruppe?

Gemeint ist, dass eine Gruppe ein höheres Erkrankungs – Risiko hat, dass die zu ihr gezählten Menschen eher erkranken und schwerere Verläufe haben. Man spricht daher auch von „vulnerablen“, „zu schützenden“ Gruppen. Das ist schön und klar. Benutzt wird aber meist „Risikogruppe“, weil einfacher und kürzer; dies lässt leider genau gegenteilige Deutungen zu, nämlich: eine Gruppe, die ein höheres Risiko (für Andere) bedeutet! Womit alle außerhalb dieser Gruppe dann zu den Schutzbedürftigen  werden. Diese Interpretation führt zu Diskriminierungen und sehr problematischen Diskussionen, wobei  „Alt gegen Jung“ entsteht, „Alte weggesperrt“ werden sollten, um den Jungen ein normales Leben zu ermöglichen, und im schlimmsten Fall Argumente von Verschwörungstheoretikern vereinnahmt und  extremen politischen Positionen missbraucht werden.

„Risikogruppe“ „Alt“

Genannt werden immer wieder Alte, Kranke, Behinderte. Zunächst: die „Alten“. Ab wann ist man alt? Schön wäre zumindest bei diesem wichtigen Thema, wenn es Einigkeit gäbe. Gibt es aber nicht. Es gibt nur Eindrücke, vor allem Wechsel je nach aktuellem Kenntnisstand. So war im Zusammenhang mit Corona  anfänglich die Rede von „über 70-75“, dann von „über 65“, inzwischen heißt es oft „über 50“. Wir haben also erstens keine einheitliche Definition. Zweitens ist das Kalender – Alter an sich natürlich überhaupt kein Kriterium für den Zustand eines Menschen; jeder weiß, dass es körperlich und geistig sehr rüstige Hochaltrige ebenso gibt wie sehr gebrechliche viel Jüngere.

Wir und „die Kranken“

Genauer, die mit Vorerkrankungen. Nach statistisch erhobenen Daten wird eine Liste erstellt, in der sich Bluthochdruck und Atemwegserkrankungen neben anderen von Krebs bis Diabetes und Adipositas finden. Ein medikamentös gut eingestellter Bluthochdruck ist aber nicht das Gleiche wie ein schlecht behandelter; und wenn man z.B. alle Übergewichtigen und nicht insulinpflichtigen Diabetiker in den Gruppen mitdenkt, wurde schon, etwas überspitzt, aber durchaus verständlich, gefragt, ob es denn Menschen gibt, die nicht in eine Risikogruppe gehören! Bei den Atemwegserkrankungen liegen inzwischen Differenzierungen vor; so ist ein gut eingestelltes Asthma bei einem sonst jungen und gesunden Menschen etwas völlig Anderes als eine schwere COPD* und wird heute auch im Zusammenhang mit Covid-19 ganz anders bewertet.

Die Gruppe der „Behinderten“

Während bei „alt“ und „krank“ die Unsicherheiten groß sind und noch dadurch verstärkt werden, dass eine Trennung oft schwer ist, weil ältere Menschen auch häufiger krank sind, scheint die Angelegenheit  bei „behindert“ zunächst einfacher, gibt es doch gesetzliche Definitionen:  „Menschen mit Behinderungen sind Menschen, die körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate hindern können.“ So formuliert auch die  UN-Behindertenkonvention. Hier wird klar, dass es nicht nur um „Schädigung“  geht (physische Ursachen), sondern um Beeinträchtigung der Funktion und damit entstehender Behinderung der Teilhabe. Daraus folgt aber auch, dass schon jede Unterscheidung, Ausschließung oder Beschränkung aufgrund von Behinderung „Diskriminierung“ ist. Wäre es bei unserem Thema nicht  logisch, das Gleiche auch für „alt“ und „krank“ mitzudenken? Die Teilhabe in den Vordergrund zu rücken statt die jeweilige Einschränkung und Zugehörigkeit zu einer Gruppe?

Diskriminierung

„Wir sind kein Risiko“. Diese Formulierung fand  Raoul Krauthausen, und in einem Interview sagte er: „„Ich spüre viel Angst“ Unter dem Hashtag #Risikogruppe kann man in den sozialen Medien viele  Berichte über gefühlte Diskriminierung lesen. Bei „alt“ und „krank“ gibt es Ähnliches zu finden. Immer geht es um Ausgrenzung. Die WHO benutzt den Begriff „Elder Abuse“, Missbrauch von Alten, und zählt dazu „neglect or abandonment“. Fallen uns da nicht als erstes die Menschen ein, denen in Alten/Pflegeheimen beim „Lockdown“ alle Kontakte nach draußen untersagt wurden? Die starben, und wir wissen nicht genau, wieviele eher an dieser Vernachlässigung als an einer Erkrankung jeder Art? Ja, die Maßnahmen waren wohl nötig. Aber wären sie nötig gewesen, wenn man bessere, (Schutzkleidung!), rechtzeitig hätte ergreifen können?

Politik und berechtigte Kritik

Hier beginnt durchaus berechtigte Kritik; denn das kann man weiterspinnen: die Schutzkleidung wäre ja da gewesen, wenn die seit Jahren in den Pandemieplänen geforderte Vorratshaltung erfolgt wäre, und wenn…. hätte, würde, wäre. Mir geht es nicht um Rechten und das Suchen von politisch Verantwortlichen, das werden hoffentlich Andere tun, wenn der akute Druck etwas vorbei geht. Mir geht es darum, dass diese unsere Gesellschaft, die immer mehr den Eindruck einer gespaltenen macht, sich auf die ganz wesentlichen Dinge besinnen muss: Darauf, wie wir mit den Schwächsten unter uns umgehen wollen. Wir haben die schönsten Gesetze. Auch „Teilhabe“ ist schon ziemlich gut geregelt. Jetzt sind vor allem klare Begriffe nötig. Jeder von uns sollte sie auch für sich hinterfragen und vor allem: sich einschalten, wenn, immer häufiger, fehlerhafte Einordnung zu Missbrauch führt.

Risikogruppen? Menschen!

Das alles hat ja große Konsequenzen. Man denke an die „Systemrelevanten“ – ich kenne eigentlich kaum einen, der das nicht ist -, an die Lehrer, die großenteils zu den „Risikogruppen“ gehören. Wir brauchen klarere Definitionen dieser Gruppen, müssen aber auch aufhören, Menschen nur unter einem Aspekt wahrzunehmen, indem wir ihnen das Schild einer Gruppe um den Hals hängen. Teilhabe geht anders! Es müssen nur die Möglichkeiten geschaffen werden, dann ist ein Mensch, wie wir alle, ein Mensch mit Fähigkeiten und Defiziten und kein „Behinderter“, „Alter“ oder „Kranker“.

Was kann jeder von uns tun?

Der bekannte Psychiater Viktor Frankl schreibt in seinem auch heute sehr lesenswerten Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ nach seinen Erfahrungen aus dem Konzentrationslager: dass man dem Menschen alles nehmen könne außer der letzten Freiheit, nämlich sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen. Nein, ich vergleiche nicht eine Pandemie mit dem Konzentrationslager! Aber das ist ein wegweisender Satz. Er erklärt auch, weshalb ganz verschiedene Reaktionen von Menschen in schwierigen oder sogar extremen Situationen beobachtet werden können: von totaler Ich – Bezogenheit, die sogar mit Aggressivität verteidigt wird, bis hin zu Altruismus, der immer auch den Anderen mitdenkt. Diese unsere Freiheit können wir immer nutzen! Wir sollten es bewusst tun.

*Chronisch obstruktive Lungenerkrankung

Literaturtipp:

Viktor Frankl: Trotzdem Ja zum Leben sagen.

Albert Scherr: Diskriminierung. Wie Unterschiede und Benachteiligungen gesellschaftlich hergestellt werden (essentials).

Lars-Eric Petersen, Bernd Six (Hrsg): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung

Ferner:

Film: Teilhabe kennt kein Alter.https://vimeo.com/394616458

Ältere zwischen Schutz und Ausgrenzung.  https://science.orf.at/stories/3200681/

Kein Zutritt ohne Maske https://www.antidiskriminierungsstelle.de/DE/Beratung/Der_aktuelle_Fall/Behinderung/Behinderung_node.html

Corona-Pflichten für Arbeitnehmer https://www.dgbrechtsschutz.de/aktuelles/coronavirus-faq/coronavirus-arbeitnehmer/

Zulässigkeit der Isolation sogenannter Risikogruppen http://grundundmenschenrechtsblog.de/darf-corona-die-gesellschaft-spalten-zur-verfassungsrechtlichen-zulaessigkeit-der-isolation-sogenannter-risikogruppen/

 

Bild von Stefan Wiegand auf pixabay

2 Antworten zu “Alt – Krank – Behindert: Menschen als „Risikogruppen“?”

  1. Marion Dehne sagt:

    Liebe Ute,

    danke für Deine vielen Denkanstöße!Seien und bleiben wir wachsam!

    Liebe Grüße
    Marion

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