Grenzgebiete?

Grenzgebiete

Wann sind Sie zum letzten Mal „an Ihre Grenzen gekommen“? Wie ging es Ihnen in diesem Moment? Und was haben Sie da unternommen?

Folgt man dem „Duden“ so sind Grenzen Trennungslinien zwischen vorhandenen Gebieten, aber auch gedachten Bereichen, darüber hinaus „Begrenzung, Abschlusslinie, Schranke“.

Mit den vorhandenen Gebieten sind z. B. Länder gemeint, die durch politische Grenzen getrennt sind, aber auch Landschaften mit natürlicher Trennlinie, wie durch Meer, Gebirgszug oder Strom. Klare Grenzen in jedem Fall. Ein Grenzgebiet wäre dann einfach das unmittelbar an die Grenze anschließende Gebiet.

Grenzen ziehen wir schon bei Begriffen; wir ordnen in Schubladen ein, die wir benennen, um uns leichter zurechtzufinden. Zwischen Mensch und Tier verläuft so eine Grenze, zwischen Tier und Pflanze. Allerdings: sind Pilze nun Pflanzen oder Tiere?

Bei den „gedachten Bereichen“ wird es schwieriger. Da ist die Grenze, die mir die Gesellschaft setzt, die Erziehung, oder auch ich selbst. Es kann eine Grenze sein, die ich nicht überschreiten darf, aber auch eine, vor deren Überschreiten ich einfach Angst habe. Oder eine Grenze, die ich aus Neugier überschreiten will. Der Philosoph Karl Jaspers meinte, dass Grenzsituationen (neben dem Staunen und dem Zweifel) der Ursprung der Philosophie seien. Der Dichter Novalis ging so weit zu sagen, dass alle Schranken nur des Übersteigens wegen da sind. Tatsächlich überschreitet die Wissenschaft immer mehr Grenzen, die früher als naturgegeben angesehen wurden.

Natürlich und künstlich

Die natürliche Grenze einer Schwangerschaft ist die Geburt, die des Lebens der Tod. Längst aber hat der Mensch in die Natur eingegriffen. An vielen Stellen hinterfragen wir das gar nicht mehr: niemand wird wohl heute die vorzeitige Beendigung einer Schwangerschaft durch einen Kaiserschnitt für ein Problem halten, wenn Mutter oder Kind durch weiteres Fortführen gefährdet sind. Oft aber stoßen wir mit unserem Verstehen dort, wo Grenzgebiete betreten werden, zunächst an unsere eigenen Grenzen. So zum Beispiel bei der Frage, wann denn der Tod sicher eingetreten ist und wie sich dann Fragen der Organspende darstellen.

Gerade die Medizin erweitert immer mehr ihre Grenzen und betritt bisher undenkbare und noch namenlose Gebiete, wo neue ethische Fragen warten. Allerdings betreffen die Fragen nicht nur die Medizin allein. Wo liegt eigentlich die Grenze zwischen Natürlichem und Künstlichem in einer Zeit, wo nicht nur Hörgeräte, Lesehilfen und Zahnersatz alltäglich sind, sondern wo mit Prothesen Leistungssport betrieben werden kann und von einem Herzschrittmacher vielleicht, von einem Kunstherzen sicher das Leben selbst abhängt?

Neue Forschung, neue Fragen

Welche Stellung in unserem Weltbild hat der Roboter, der Pflegende ersetzt? Der Computer, der den besten menschlichen Spieler schlägt? Was ist mit der „künstlichen Intelligenz“? Beantworten die Ergebnisse der Hirnforschung heute wirklich die alte Frage nach der Schnittstelle (Grenze!) zwischen Gehirn und Bewusstsein, Leib und Seele?

Freiheit, Verantwortung, Identität

Mit Grenzen hängt auch die Frage zusammen, wie es um unsere Freiheit bestellt ist und wer wir überhaupt sind. Wenn wir heute wissen, dass kleine Veränderungen in unserer Biologie erhebliche Veränderungen von Bedürfnissen und Verhalten zur Folge haben können, stellt sich schließlich die Frage nach unserer Verantwortlichkeit. Und nur wenn wir durch Andere mit ganz verschiedenen Wertvorstellungen konfrontiert werden, müssen wir uns ernsthaft mit  unserer eigenen Identität auseinandersetzen, mit unseren eigenen Werten und uns die Frage beantworten, warum wir an Grenzen unseres Verstehens stoßen.

 

Literaturtipp: M.Lutz-Bachmann:Grundkurs Philosophie Ethik,

H.-M. Sass (Hrsg): Medizin und Ethik, 15 Beiträge,

C.Godin: Philosophische Grundbegriffe für Dummies,

D.Eagleman:Inkognito. Die geheimen Eigenleben unsers Gehirns
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